Ella Bergmann-Michels Filmarbeit begann in enger Verflechtung mit den Aktivitäten des Neuen Frankfurt. Die Dokumentation des von Mart Stam erbauten Budge-Hauses Wo wohnen alte Leute war ein „Instruktionsfilm“ für den Bau menschengerechter Altersheime, allerdings, wie sie schrieb, „keine zufällige Reportage, keine fotografierte Architektur, sondern Blick in den lebendigen Organismus […].“ Erwerbslose kochen für Erwerbslose diente unmittelbar als Intervention, nämlich als Spendenkampagne für die selbstorganisierten öffentlichen Küchen des Hilfswerks. Ihre drei weiteren Filme drehte sie parallel im Jahr vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Für Fliegende Händler nutzt Ella Bergmann-Michel die Unauffälligkeit der mobilen Kinamo-Kamera, um sich in den öffentlichen Stadtraum einzumischen. In den Straßen Frankfurts erforscht sie die Überlebensstrategien der ‚fahrenden Händler‘, sie übersteigt Zäune, klettert auf ein Karussell, filmt das Jahrmarktstreiben. Ebenfalls „ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“ drehte sie den experimentellen Filmessay über einen Spaziergang und Fischfang in der Rhön. In Wahlkampf 1932 erhält ihr detailgenauer Blick zusätzliche politische Schärfe, sie registriert den Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, das sichtbare Einverständnis der Bevölkerung und die Reste von Widerstand.

Wir zeigen alle 5 Filme von Ella Bergmann-Michel, und im Anschluss Jutta Herchers und Maria Hemmlebs Filmporträt über die Künstlerin und Filmemacherin.

Zu Gast: Jutta Hercher und Madeleine Bernstorff, beide seit langer Zeit mit Ella Bergmann-Michels Arbeit befasst, sprechen über ihre Forschungen und Präsentationen als Filmemacherin und als Filmkuratorin.

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Ein musterhaftes Beispiel sachgemäßer Lösung drängender Wohnungsfragen gibt uns der Film von Bergmann-Michel Wo wohnen alte Leute?. Er zeigt uns das vorbildliche Altersheim, welches der Architekt Mart Stam für Frankfurt Main gebaut hat. Dieser Film soll in der ganzen Welt Propaganda machen für eine wichtige Sache." („Neue Filme vom Bauen“, Kunst und Volk, Heft 5, Januar 1932) „Kollektiv“, lautete der Titel des Bauentwurfs. Gerade die Momente der sozialen Begegnung interessieren Ella Bergmann-Michel, wie die Bewohner*innen lässt sie sich von den Möglichkeiten und Abweichungen leiten, die die offene Raumgestaltung bietet. „Ein heiteres Verweben der Räume, die Promenoirs und Plauschecken gleiten durch die Scheiben ineinander hinein. Ein mätzchenloser Werbefilm, eine gefilmte Fibel gegen Vorurteile.“ (Frankfurter Zeitung vom 15.1.32)

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 „Dokumentarischer Film über das Hilfswerk der Frankfurter Erwerbslosenküchen, lief in September 1932 in sämtlichen Frankfurter Kinos als Auftakt zu einer großen öffentlichen Sammlung. Die Frankfurter Zeitung schrieb: ‚dieser Film demonstriert auf eine simple Weise, vollständig ungeschminkt, die Erbärmlichkeit des schlimmsten, des erwerbslosen und zugleich mittellosen Daseins...‘ Er zeigt weiter die soziale Bedeutung der Küchen ebenso wie ihre Organisation. [...] Der Leitgedanke des Films ist: Alle müssen helfen!“ (Ella Bergmann-Michel, The Getty Research Institute, 88-A256; 880303) „Es ist interessant, dass große Filmgesellschaften die Herstellung eines derartigen Bildstreifens wie den der Erwerbslosen-Küchen ablehnten, da schon die Kosten allein für Lampenpark als zu hoch bezeichnet wurden. Frau Bergmann-Michel musste deshalb den Film auf eigene Faust trotz großer Schwierigkeiten mit den geringsten Mitteln herstellen.“ (Volksstimme Frankfurt, 29.9.32)

Fliegende Händler in Frankfurt am Main

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 21 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film in den Straßen und auf den Plätzen Frankfurts aufgenommen – durch Beobachtung erwischte Aufnahmen beruflichen Lebens verschiedener Händler, die in der Erwerbslosen Zeit teils ohne polizeiliche Genehmigung ihre Waren verkauften.“ (Ella Bergmann-Michel, Notizen zu ihren Filmen, Sprengel-Archiv Inv.-Nr. A 40.04c-01-)
Anfang der dreißiger Jahre sind weibliche Aufbruchsphantasmen, Selbstermächtigung und Flaneurinnen als mediale Bilder längst gesetzt, dass aber eine Frau mit Filmkamera ihrerseits flanierend die städtische Lebenswelt einschließlich ihrer versteckten Winkel beobachtet und in Szene setzt, ist ein solitärer Aufbruch in die Öffentlichkeit. Buchstäblich begibt sie sich hinter die Kulissen der „fahrenden Händler“ und des Jahrmarktgeschehens.

Fischfang in der Rhön (an der Sinn)

DE 1932, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, 16mm, stumm, 11 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film über einen Spaziergang in der Rhön und Fang von Forellen und Äschen. Film-Material: selbst gestellt – ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“, notiert Ella Bergmann-Michel nüchtern über diesen filmischen Bewusstseinsstrom. Plätschernd gehen organische und abstrakte Figuren ineinander über, Licht und Schatten bewegen sich wellenförmig. Die Landbewohner*innen aus der Umgebung werden mit in den Bilderfluss geholt, ihre Tätigkeiten werden für einen Moment genau studiert, der direkte Blick in die Kamera erwischt auch uns.

Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)

Fragment. DE 1932/33, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Der das Straßenbild absuchende Blick der Kamera bekommt zusätzliche politische Schärfe. Sie verweilt vor Litfaßsäulen und studiert die am abgerissenen Papier sichtbaren Zeichen des Protestes, sie sucht die Ausgänge der Arbeitsstätten, um die Angestellten zu beobachten, sie registriert verwundert die gewöhnlichen Gesten in bedrohlichen Uniformen, sie folgt dem sich versammelnden Wahlvolk, bleibt hinter einem Fahnenmast stehen. Mit zunehmender Krise und manifestem Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, mit dem merklichen Einverständnis und der Selbstinszenierung der mehrheitlichen Bevölkerung, und mit den verschwindenden Resten spürbaren Widerstands wird die Flaneurin zur Zeugin, sie sichert Beweise.

Mein Herz schlägt blau – Ella Bergmann-Michel

BRD 1989, R, B, K, S Jutta Hercher, Maria Hemmleb, M Ernst Bechert, P Jutta Hercher, E Franz Winzentsen, Hans Michel, Kopie Farbe u. s/w, DCP von 16mm, 30 min, dt. OV mit engl. UT, Kinemathek Hamburg

„Der Film besteht vor allem aus ihren Arbeiten: Zeichnungen und Collagen, Fotografien und Sequenzen aus ihren Dokumentarfilmen. Ella Bergmanns Vielfältigkeit, ihre Arbeit mit verschiedenen Medien, findet sich auf formaler Ebene in dem Film wieder. Er bringt zusammen, was oft fälschlicherweise getrennt wird, nämlich die Malerin auf der einen Seite, die Dokumentarfilmerin auf der anderen. Das ergibt viel Material in 30 Minuten.“ (Jutta Hercher) „Einen Ausdruck durch Bildbau, Komposition und Formen zu erreichen ist für mich immer das Wesentliche. [...] Dieses mag während der Arbeit – wer kann überhaupt sagen wie und wann ein Mensch zu Entdeckungen kommt – es kann aber auch vorher als Gedanke entstanden sein.“ (Ella Bergmann-Michel, Sprengel Museum Hannover, Inv.-Nr. A 44.03b -01-)


SA 30.11.19

13.30

Pupille – Kino in der Uni