Aufführung aller Filme von Ella Bergmann-Michel in neuer Digitalisierung (2K-DCP) und Präsentation von neu aufgefundenem Filmmaterial

Filmgeschichte ist immer auch die Geschichte von Zerstörung und Verlust, manchmal von Wiederfinden. Die Ausgangslage für „gültige“ Fassungen von Ella Bergmann-Michels Filmen war stets kompliziert und ist es immer noch. Einige Rollen nahm Paul Seligmann mit ins Exil, manche Filme wurden aufgrund der politischen Lage erst nachträglich montiert, andere galten lange als verschollen. Für die 2006 In der „Edition filmmuseum“ erschienene DVD wurden Ausgangsmaterialien unterschiedlicher Herkunft verwendet. Neben den in diesem Jahr neu hergestellten Digitalisaten zeigen wir erst kürzlich entdecktes Material:

Von Wo wohnen alte Leute liegt nun eine abweichende Arbeitsfassung aus dem Nachlass des Architekten Mart Stam vor, die enger am ursprünglichen Script von Ella Bergmann-Michel und Mart Stam orientiert ist und vermutlich einen ersten Entwurf darstellt. Zu Fischfang in der Rhön wurde ein längerer Rohschnitt gefunden, der zahlreiche ursprünglich gedrehte, aber nie verwendete Szenen beinhaltet – besonders die ländliche Umgebung und die Bewohner*innen des Sinntals treten hier in den Vordergrund. Gelegentlich nannte Bergmann-Michel diesen Film auch Spaziergang in der Rhön, was diese Fassung gut beschreibt. 

Sünke Michel, die Schwiegertochter Ella Bergmann-Michels, spricht über den künstlerischen Lebenslauf, Arbeitstechniken und die Wieder-Entdeckung der Filme. Thomas Worschech vom DFF kommentiert und erläutert die Materiallage und Editionsgeschichte der Filme.

Erstaufführung der digital restaurierten Kopien und des neu entdeckten Materials

Im Anschluss Gespräch mit Sünke Michel und Thomas Worschech

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Ein musterhaftes Beispiel sachgemäßer Lösung drängender Wohnungsfragen gibt uns der Film von Bergmann-Michel Wo wohnen alte Leute?. Er zeigt uns das vorbildliche Altersheim, welches der Architekt Mart Stam für Frankfurt Main gebaut hat. Dieser Film soll in der ganzen Welt Propaganda machen für eine wichtige Sache.“ (Neue Filme vom Bauen, Kunst und Volk, Heft 5, Januar 1932) „Kollektiv“, lautete der Titel des Bauentwurfs. Gerade die Momente der sozialen Begegnung interessieren Ella Bergmann-Michel, wie die Bewohner*innen lässt sie sich von den Möglichkeiten und Abweichungen leiten, die die offene Raumgestaltung bietet. „Ein heiteres Verweben der Räume, die Promenoirs und Plauschecken gleiten durch die Scheiben ineinander hinein. Ein mätzchenloser Werbefilm, eine gefilmte Fibel gegen Vorurteile.“ (Frankfurter Zeitung vom 15.1.32)

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 „Dokumentarischer Film über das Hilfswerk der Frankfurter Erwerbslosenküchen, lief in September 1932 in sämtlichen Frankfurter Kinos als Auftakt zu einer großen öffentlichen Sammlung. Die Frankfurter Zeitung schrieb: ‚dieser Film demonstriert auf eine simple Weise, vollständig ungeschminkt, die Erbärmlichkeit des schlimmsten, des erwerbslosen und zugleich mittellosen Daseins...‘ Er zeigt weiter die soziale Bedeutung der Küchen ebenso wie ihre Organisation. [...] Der Leitgedanke des Films ist: Alle müssen helfen!“ (Ella Bergmann-Michel, The Getty Research Institute, 88-A256; 880303) „Es ist interessant, dass große Filmgesellschaften die Herstellung eines derartigen Bildstreifens wie den der Erwerbslosen-Küchen ablehnten, da schon die Kosten allein für Lampenpark als zu hoch bezeichnet wurden. Frau Bergmann-Michel musste deshalb den Film auf eigene Faust trotz großer Schwierigkeiten mit den geringsten Mitteln herstellen." (Volksstimme Frankfurt, 29.9.32)

Fliegende Händler in Frankfurt am Main

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 37 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film in den Straßen und auf den Plätzen Frankfurts aufgenommen – durch Beobachtung erwischte Aufnahmen beruflichen Lebens verschiedener Händler, die in der Erwerbslosen Zeit teils ohne polizeiliche Genehmigung ihre Waren verkauften.“ (Ella Bergmann-Michel, Notizen zu ihren Filmen, Sprengel-Archiv Inv.-Nr. A 40.04c-01-) Anfang der dreißiger Jahre sind weibliche Aufbruchsphantasmen, Selbstermächtigung und Flaneurinnen als mediale Bilder längst gesetzt, dass aber eine Frau mit Filmkamera ihrerseits flanierend die städtische Lebenswelt einschließlich ihrer versteckten Winkel beobachtet und in Szene setzt, ist ein solitärer Aufbruch in die Öffentlichkeit. Buchstäblich begibt sie sich hinter die Kulissen der "fahrenden Händler" und des Jahrmarktgeschehens.

Fischfang in der Rhön (an der Sinn)

DE 1932, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, DCP von 16mm, stumm, 11 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film über einen Spaziergang in der Rhön und Fang von Forellen und Äschen. Film-Material: selbst gestellt – ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“, notiert Ella Bergmann-Michel nüchtern über diesen filmischen Bewusstseinsstrom. Plätschernd gehen organische und abstrakte Figuren ineinander über, Licht und Schatten bewegen sich wellenförmig. Die Landbewohner*innen aus der Umgebung werden mit in den Bilderfluss geholt, ihre Tätigkeiten werden für einen Moment genau studiert, der direkte Blick in die Kamera erwischt auch uns.

Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)

DE 1932/33, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Der das Straßenbild absuchende Blick der Kamera bekommt zusätzliche politische Schärfe. Sie verweilt vor Litfaßsäulen und studiert die am abgerissenen Papier sichtbaren Zeichen des Protestes, sie sucht die Ausgänge der Arbeitsstätten, um die Angestellten zu beobachten, sie registriert verwundert die gewöhnlichen Gesten in bedrohlichen Uniformen, sie folgt dem sich versammelnden Wahlvolk, bleibt hinter einem Fahnenmast stehen. Mit zunehmender Krise und manifestem Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, mit dem merklichen Einverständnis und der Selbstinszenierung der mehrheitlichen Bevölkerung, und mit den verschwindenden Resten spürbaren Widerstands wird die Flaneurin zur Zeugin, sie sichert Beweise.


MI, 29.1.20

18.00

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum