Internationalität, soziale Schubkraft und die technisch-künstlerische Eigengesetzlichkeit des Materials waren für Ella Bergmann-Michels Arbeit zentral. Dieser Ansatz fügte sich mit dem Konzept des Bundes Neues Frankfurt produktiv zusammen, nicht nur in der Arbeitsgemeinschaft für den modernen Film, sondern auch als Voraussetzung und Impuls für ihre ersten beiden Filme. Wir zeigen sie hier noch einmal, zusammen mit Paul Wolffs, Jonas Geists und Joachim Krausses Filmen über die „Frankfurter Küche“. Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und kollektive Unterwanderungsstrategien in Wohnanordnungen insbesondere für Frauen sind auch Thema für unseren Gast Gabu Heindl (Architektin, Wien), die Margarete Schütte-Lihotzky noch persönlich kannte und die diese Herausforderungen mit ihren Projekten gezielt aufsucht.

Zu Gast Gabu Heindl

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Bereits die Entstehungsgeschichte des im Film porträtierten Budgeheimes steht für den gemeinsamen sozialen Imperativ von bürgerlichem Mäzenatentum und neusachlicher, massenkulturell ausgerichteter Moderne. Dem jüdischen Stifterpaar Henry und Emma Budge war an Kollektivität gelegen: Ein wichtiger Stiftungsgrundsatz galt der „Gleichheit wohlhabender Bürger und notleidender Menschen“. Der Architekturentwurf nahm das nicht nur im Titel „Kollektiv“ auf, hervorgehoben wurde von der Wettbewerbsjury „die Anordnung der im Mittelpunkt der Gebäudegruppe untergebrachten Wirtschafts- und Gemeinschaftsräume, wie überhaupt Wesen und Geist des Altersheims gerade in diesem Entwurf besonders klar zum Ausdruck gelangt“. Im Film spielen sich öffnende Türen und Passagen eine große Rolle, oft in Verbindung mit dem öffentlichen Leben, etwa dem Briefkasten, der Tageszeitung, oder dem Gemeinschaftsgarten. Auch die eingefügten Trickaufnahmen setzen diesen Akzent, wenn sie als „bewegte Zeichnungen“ die Mobilität der Architektur vorführen, Flügeltüren öffnen und kleine Zellen in einen großen Gemeinschaftsbereich überführen.

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Selbsthilfe ist nicht nur Gegenstand des Films, sondern auch Grundlage seiner Produktion: In kurzer Zeit warben die Mitglieder der Filmliga die nötigen Produktionsgelder in der „Haute Volée der Frankfurter Gesellschaft“ (Robert Michel) ein. Der Vermieter der Lagerhalle für die Lebensmittel verzichtete auf die Miete, aus den Gärten der May-Siedlungen wurde Gemüse gestiftet, die Lebensmittel wurden mithilfe der bei „fliegenden Händlern“ geliehenen Karren von den Frauen der „praktischen Küche“ abgeholt, für die öffentlichen Aufführungen an der Hauptwache gestalteten Grafiker Schilder und Plakate, ein arbeitsloser Schaffner zählte mit seinem Münzzählgerät die Spenden und Einnahmen, und nicht zuletzt diente die öffentliche Küche als Gemeinschaftsraum vor allem im Winter, „wie Bibliotheksräume“, man erzählte einander Geschichten, „persönliche Ambitionen“.

Die Frankfurter Küche

DE 1927, R Paul Wolff, P Paul Wolff, Humboldt-Film GmbH, Kopie s/w, 35mm, stumm, 7 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Dr. Paul Wolff & Tritschler, Historisches Bildarchiv, Offenburg

Aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen über sämtliche Wege und Handgriffe bei der Küchenarbeit entwickelte Margarete Schütte-Lihotzky eine Normküche mit fest eingebautem Mobiliar auf rund 6,5 Quadratmetern. Als Vorbild diente die Mitropa-Speisewagenküche. Ziel war es, der (berufstätigen) Frau die Hausarbeit zeitlich und vom Kraftaufwand her zu erleichtern und die technischen Voraussetzungen für eine fortschreitende Emanzipation zu schaffen. Zudem ging es um eine verbesserte Hygiene. [...] Die Küche wurde in den May-Siedlungen etwa 10.000 mal in unterschiedlichen Varianten installiert und gilt als Prototyp für die moderne Einbauküche. Um für die neue Form der Arbeitsküche bei potentiellen Nutzern zu werben, drehte Paul Wolff im Auftrag der Stadt Frankfurt 1928 den Dokumentarfilm Die Frankfurter Küche. (Jutta Zwilling, Frankfurter Personenlexikon)

Die Frankfurter Küche

BRD 1985, R Jonas Geist, Joachim Krausse, Kopie digital, 42 min, absolut MEDIEN

1925 zum Frankfurter Stadtbaurat ernannt, versammelte Ernst May einen Stab junger Architekten, Planer und Designer um sich. Mit dem umfassenden Anspruch auf Gestaltung einer modernen Wohnkultur [...] profilierte sich das Neue Frankfurt als innovativstes Großprojekt des Neuen Bauens der 20er Jahre. (DVD-Booklet Edition Bauhaus - Das Neue Frankfurt, absolut Medien) 60 Jahre später stellen die Filmemacher den Siedlungsbau des Neuen Frankfurt sowohl aus der historischen Perspektive dar, als auch aus der Sicht der Nutzer*innen der Gegenwart im Jahr 1985. Der hier gezeigte Teil 3 konzentriert sich auf die Frankfurter Küche. Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erläutert im Interview die Entstehungsgeschichte ihres Konzeptes, Bewohner*innen führen die Nutzung in der Realität vor, Archivmaterial und neue Aufnahmen enthüllen, wie sich Wohnmodell und gelebtes Wohnen wechselseitig anpassen.


MI, 22.1.20

18.00

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum