© Peripher Filmverleih

USA 2019 | Regie, Schnitt: Kelly Reichardt | Buch: Jon Raymond, Kelly Reichardt | Kamera: Christopher Blauvelt | Darsteller*innen: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Ewen Bremner, Scott Shepherd | Farbe | DCP | 122 Minuten | amer. OV mit dt. UT | Peripher Filmverleih

Cookie (John Magaro) ist der wohl sanftmütigste Mensch, der je durch einen Western stapfte. Als er beim Pilzesammeln einen Salamander auf dem Rücken entdeckt, dreht er ihn vorsichtig um. Und er hilft auch dem nackten Chinesen [King-Lu], der nachts vor ihm im Busch auftaucht. Cookie arbeitet für eine Truppe von Pelztierjägern als Koch, im wilden Oregon des frühen 19. Jahrhunderts. Das ist nicht so ganz seine Welt. Er schmückt lieber mit selbstgepflückten Blumen die Hütte eines Freundes. Faustschläge verteilt Cookie eher  nicht. [...] Vor dem Hintergrund des unzivilisierten Landes mit seinen oft brutalen und nur auf den eigenen Vorteil bedachten Siedlern wirkt die Freundschaft von Cookie und King-Lu so unpassend wie die Kuh, die – als erste überhaupt – in die Gegend kommt. „Kühe gehören nicht hierher“, findet einer. „Weiße Männer auch nicht“, kontert ein anderer. [...]

Neben der Freundschaftsgeschichte erzählt First Cow vom Frühkapitalismus, den Gesetzen des Marktes, Angebot und Nachfrage, wie man Mehrwert erzielt – alles das lässt sich beim Krapfenverkauf leicht nachvollziehen.

Chief Factor (Toby Jones), dem die Kuh und vermutlich ein Großteil des Landes im Umfeld der Siedlung gehören, ist die gleichzeitig kultivierteste und barbarischste Figur des Films. [...] Cookies Küchlein lässt er sich auf der Zunge zergehen und faselt von der Pariser Mode. Umso erschreckender ist die Grausamkeit, wenn er Überlegungen über die Schwere einer Körperstrafe zur Rechenaufgabe macht: Bei einem älteren Arbeiter dürfe die Strafe ruhig so hoch ausfallen, dass sie den Mann zum Krüppel macht, weil die Abschreckung mehr wert sei als der Wert des Mannes als Arbeitskraft. Während er diese gefühllose Rechnung präsentiert, vollführt die Kamera eine Kreisfahrt um ihn, zeigt sein elegant eingerichtetes Heim, bis dem Zuschauer schwindelig wird. Es ist die Logik des Kapitalismus, die Reichardt formuliert. Die Regeln und Machtverhältnisse in dieser noch jungen Welt sind die alten geblieben. First Cow ist auch ein Statement, wie man es anders hätte machen können. (Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung, 9.7.2021)


MO, 10.1.22

20.15

Pupille – Kino in der Uni