Hindle Wakes / Jahrmarkt der Liebe

GB 1927, R Maurice Elvey, B Victor Saville nach einem Stück von Stanley Houghton, K Jack E. Cox, William Shenton, S Gareth Gundrey, P Maurice Elvey, Victor Saville, D Estelle Brody, John Stuart, Norman McKinnel, Irene Rooke, Marie Ault, Humberstone Wright, Arthur Chesney, Gladys Jennings, Alf Goddard, Cyril McLaglen, Peggy Carlisle, Kopie s/w, 35mm, 116 min, stumm , engl. ZT +dt. UT, BFI National Archive

Die junge Fanny Hawthorn arbeitet in einer Baumwollspinnerei im englischen Hindle in Lancashire. Beim jährlichen Ferienausflug der Firma in den Vergnügungsort Blackpool vergnügt sie sich in einer Affäre mit dem Sohn des Fabrikbesitzers. Aus Familiensicht bleibt nur die Hochzeit, um die Ehre zur retten. Doch Fanny gibt ihre Freiheit nicht ihrer „little fancy“ wegen auf: Sexuelle Selbstbestimmung ist – ganz im Sinne Emma Goldmans – Teil des Arbeiterinnenstolzes.

Mit der seinerzeit Aufsehen erregenden Emanzipationsgeschichte vergegenwärtigt der Film zugleich einen Blick in die erste global-kapitalistische Wirtschaft, die Baumwollindustrie. Er zeigt eine Spinnerei in Lancashire, die Arbeit dort steht in direkter Verbindung mit der Sklavenarbeit auf den Baumwollplantagen der US-amerikanischen Südstaaten. Diese sehen wir zwar nicht (vgl. jedoch Daughters of the Dust und Beloved im Festivalprogramm), aber der Film ist gleichwohl in doppelter Hinsicht ein Dokument, einmal der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zum anderen eben der Arbeitssituation in der englischen Baumwollindustrie. Erzählung, die Story, mit Dokumentarischem zu verbinden, ja zu durchdringen, war die erklärte Absicht des Regisseurs Maurice Elvey, wie Lucie Bea Dutton schreibt: „ [...] Hindle Wakes verbindet ein von Elvey hochgeschätztes Theaterstück mit seinem Wunsch, ‚echte Schauplätze‘ auf die Leinwand zu bringen, um eine ‚dramatized documentary‘ zu schaffen. Aus dieser Kombination entstand einer von Elveys am meisten gefeierten Filmen – damals, bei der Uraufführung, und heute, 90 Jahre später. Ich habe 14 Jahre lang Forschungen zu Elvey und seine Karriere betrieben, daher bin ich sicher, er wäre entzückt, stolz und auch ein bisschen erstaunt zu hören, dass die Komponistin Maud Nelissen, als sie an einer neuen Musik zu diesem wunderbaren Film arbeitete, sich die Mühe machte, das wirkliche Blackpool zu besuchen und auch Lancashire, um zu sehen, was von den Baumwollspinnereien in Englands Nordwesten geblieben ist.“ (Lucie Bea Dutton, Festivalpublikation Geschichtsanschauungen. Views of History, 2019)

Maud Nelissen ist eine der international bedeutendsten Stummfilmpianistinnen und -komponistinnen, tritt in Europa, den USA und in Asien auf und spielt regelmäßig bei den Festivals Il Cinema Ritrovato, Bologna und Le Giornate del Cinema Muto, Pordenone. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit der Kinothek Asta Nielsen zusammen, mehrfach in Kooperation mit ZDF/arte, und ist Gründerin des Stummfilmorchesters „The Sprockets“.

Für die neue Komposition zu Hindle Wakes stand Nelissen vor der Aufgabe, Elveys lebhafte Inszenierung getreu des Films mit einer gewissen Melancholie zu verbinden. Entstanden ist „eine moderne, lyrische Musik mit stolzen, ehrlichen Elementen aus der Folkmusic Lancashires“ (Nelissen).

Am Klavier begleitet von Maud Nelissen


MO, 2.12.19

20.00

Caligari FilmBühne Wiesbaden