Über das Festival

Remake. Frankfurter Frauen Film Tage
Eine Veranstaltung der Kinothek Asta Nielsen e.V.

Im November 2018 veranstaltete die Kinothek Asta Nielsen in Frankfurt am Main erstmals das Festival Remake. Frankfurter Frauen Film Tage, das seit 2019 biennal stattfindet. Die dritte Ausgabe findet 2021 statt.

Die Kinothek setzt sich seit nahezu zwanzig Jahren mit Filmpräsentationen, thematischen Programmen, Werkschauen, Retrospektiven für die Filmarbeit von Frauen ein und fördert die Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen im Film. Mit dem Festival Remake fügt sich ein neues Veranstaltungsformat in die bisherige Arbeit: ein Programm, das von einem Themenschwerpunkt ausgeht und sich in einer Mischung aus Festival und Symposion entfaltet. "Remake" verweist auf den Bezug zur Geschichte, wie er für die gesamte Arbeit der Kinothek prägend ist: Filme aus mehr als hundert Jahren entstehen neu in der Wahrnehmung von Zuschauerinnen und Zuschauern, wenn sie heute gezeigt werden. Denn Filme existieren nur in der Aufführung, und das Zeigen selbst ist eine Form des Filmemachens, ein Re-Make. 

Geschichte bildet ein wesentliches Moment des Festivals. Alte Filme sind ja nicht einfach alt, sondern durch sie wird Vergangenheit als Bestandteil der Gegenwart erfahrbar – sofern die Filme denn in einem Kontext gezeigt werden, in dem sich ihre spezifische Aussagekraft entfalten kann. Nicht zuletzt um solcher Zusammenhänge willen laufen alte mit jüngst entstandenen Filmen zusammen, werden Projektionen von Einführungen, Kommentaren, Gesprächen und Diskussionen begleitet. Die Orte der Aufführung und deren Gestaltung erfahren dabei besondere Aufmerksamkeit, und alle Filme laufen (soweit möglich) im Originalformat – sei es 35mm, 16mm, Super 8 mit analogem Ton oder eben ein digitales Format. Bei der Aufführung von Stummfilmen liegt uns die Musikbegleitung besonders am Herzen. 

Der formalen Struktur von Remake  – unterschiedliche Epochen und Genres verflechten sich im Programm – entspricht die inhaltliche: Themen wie Frauen und Geschlechterverhältnisse im Film oder Aspekte des queer cinema treten in ihrer Verflochtenheit mit anderen gesellschaftlichen Phänomenen zutage; so auch mit der Emanzipation der Frauen im Kontext von Migration, Kolonialismus, Rassismus. Ausgehend von inhaltlichen Verbindungen entwickelt sich jede Ausgabe der Frankfurter Frauen Film Tage in einer Vielzahl von Programmen, die jeweils in einem Zusammenhang untereinander stehen, eine Gesamtgestalt, eine Art „Archipel“ bilden.

Remake wird immer auch einen Programmteil enthalten, der einer Filmmacherin gewidmet ist, deren Arbeiten von Vergessen und Verschwinden bedroht sind.

Nicht nur der Filmgeschichte, sondern auch der Geschichte feministischer Filmfestivals werden wir mit dem Programm Tribut zollen. 1972 fanden in New York und Edinburgh die ersten feministischen Festivals statt – sie waren zum großen Teil der (Wieder-)Entdeckung von Filmmacherinnen gewidmet. Viele ihrer Werke, die Anfang der 70er Jahre wieder das Licht des Projektors erblickten, sind heute erneut verschwunden, Kopien nicht oder nur schwer auffindbar. Mit Wiederaufführungen einstiger Programme, in Gesprächen mit den damaligen Veranstalterinnen werden wir an diese Geschichte erinnern, aus der auch unsere Arbeit hervorgegangen ist. Jede Ausgabe von Remake. Frankfurter Frauen Film Tage wird einem der früheren Festivals gewidmet sein.

Remake. Frankfurter Frauen Film Tage 2021

2018 haben wir, die Kinothek Asta Nielsen, Remake. Frankfurter Frauen Film Tage ins Leben gerufen. Unsere Aufgabe sehen wir darin, die Filmarbeit von Frauen, die wie das Kino selbst inzwischen eine über 125-jährige Geschichte hat, mit Wiederaufführungen und in neuen Konstellationen und Kontexten auf die Leinwand zu bringen, ein gegenwärtiges Publikum für diese Vorführungen zu begeistern und die Festivalarbeit mit Restaurierungsprojekten und Publikationen zu begleiten. Die ersten beiden Festivals – 2018 und 2019 – haben viel Zuspruch erfahren und gaben uns das Gefühl, sinnvolle Arbeit zu tun.

Doch auch für uns ist die Corona-Pandemie eine Zäsur. Auch wir tun diese Arbeit angesichts der rasant zunehmenden Bedrohung unserer aller Lebensgrundlagen – die das Wort Krise völlig unzulänglich zu fassen versucht – mit Fragen nach Sinnhaftigkeit und dem Blick auf schwindenden Zukunftsperspektiven. Und in dem Bewusstsein, dass es keine Rückkehr einer fragwürdigen „Normalität“ geben wird. 
 
Warum da noch Kino? Warum beispielsweise an die feministische Filmarbeit der 70er-Jahre anknüpfen und warum die Aufführung von Stummfilmen – gar von 35mm-Kopien? Die einfachste Antwort darauf ist die, dass wir einen Raum herstellen wollen, in dem wir als Publikum, gemeinsam, zu einer Wahrnehmung unserer Zeit gelangen. Und zur Wahrnehmung, wie diese Zeit eine Verbindung hat zu anderen Zeiten, Geschichten, Menschen. 
Bezogen auf unser diesjähriges Schwerpunktthema „… weil nur zählt was Geld einbringt“: Frauen, Arbeit und Film sind das etwa Verbindungslinien zu und Erinnerung an die emanzipativen Kämpfe von Arbeiter*innen, die Zugriff auf Zwecke, Verläufe und Interaktionen der gesellschaftlichen Reproduktionsarbeit zu bekommen versuchten. Um Natur-Entfremdung und Selbst-Entfremdung zu überwinden, die die moderne Arbeitsgesellschaft den Menschen auferlegt. Es geht uns auch um Verbindungslinien zu Lebenskontexten, die nicht völlig der Ideologie von technologischem Fortschritt und Ausbeutung unterworfen sind.  
Unsere Filmprogrammarbeit lässt sich als Sorge verstehen: für die Frauengeschichte in der Filmgeschichte, für ein heutiges Kinopublikum und im Bewusstsein der Prekarität unserer Gegenwart. Trotz allem.

Mehrere Stummfilme mit Live-Musikbegleitung sind Teil des Programms. Remake gastiert mit einem CineConcert zum zweiten Mal im Schauspiel Frankfurt: Die international renommierte Komponistin und Pianistin Maud Nelissen hat zu Lois Webers Shoes (USA, 1916) eine Musik für Klavier, Alt- und Sopransaxophon, sowie Cello geschrieben. Dieser Stummfilm über die Lebenswirklichkeit eines jungen „Ladenmädchens“ in der modernen Großstadt, zählt zu den bedeutendsten feministischen Filmen in der Geschichte des Kinos.

Zum Konzept von Remake gehört der Rückblick auf die Geschichte feministischer Filmfestivals. In diesem Jahre erinnern wir in an die beiden ersten bundesdeutschen Frauenfilmfestivals: die Feminale, die in Köln 1984 erstmals stattfand und die femme totale, die 1987 ihre Arbeit in Dortmund begann. Ein Kurzfilmprogramm und eine Podiumsdiskussion mit den Festivalmacherinnen von damals vergegenwärtigen die Anfänge der beiden Festivals.

Die diesjährige Hommage gilt der Kritikerin und Autorin der bundesdeutschen und internationalen Kino- und Filmgeschichte, Frieda Grafe (1934–2002). Das Programm besteht aus einer Auswahl von Grandhotel-Filmen, die Grafes Text „Die Saubere Architektur in Gefahr. Die Grandhotels in der Unterhaltungsindustrie“ von 1990 entnommen ist. Begleitend zu den Filmen gibt es Textlesungen, Vortrag und Gespräche. 

Remake. Frankfurter Frauen Film Tage 2019

Geschichtsanschauung. HerStory im Kino bildete das Schwerpunktthema von Remake 2. Wir haben nach Geschichten in der Filmgeschichte gesucht, mit denen beispielsweise Frauen aus den arabischen Ländern Zeugnis ablegen von Befreiungskämpfen, nach Filmen von Frauen, die von ihren Sklav*innenvorfahren erzählen, die uns die Geschichte und Gegenwart ihrer Verfolgung und Ausgrenzung vor Augen führen. Remake zeigte Filme, die mit herrschenden Bild- und Erzählkonventionen brechen. Das Programm umfasste Filme von Regisseurinnen, die die westliche Erfolgsgeschichte in Frage stellen und Filme, die fragen, wie mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts – mit Weltkriegen und Genoziden – weiterzuleben sei. Im Zentrum standen Film und Kino als Formen und Orte der Geschichtsschreibung selber – einer Geschichtsschreibung aus der Perspektive von Frauen. In diesem Horizont entfaltete das Festivalprogramm auch einen eigenen Blick auf die Geschichte des queer cinema: Der Festivalfreitag stand unter dem Motto queer cinema – „mon ciné“. Es ging uns um Geschichte(n), die der Film – anders als Wort und Schrift – den Frauen zu erzählen, zu zeigen ermöglichte und ermöglicht. Das Unbestimmte, das Nicht-Greifbare, das, was sich nicht auf einen Begriff bringen lässt, wird insbesondere im Stummfilm überliefert. Mehrere Stummfilme mit Live-Musikbegleitung gehörten zum Programm. Höhepunkt war ein CineConcert im Schauspiel Frankfurt: Die international bekannte Komponistin und Pianistin Maud Nelissen hat eine Musik für kleines Ensemble zu einem der spektakulärsten britischen Filme der 1920er Jahre geschrieben: Hindle Wakes, der die Emanzipationsgeschichte einer jungen Fabrikarbeiterin erzählt. Hindle Wakes gibt Einblick in die englische Textilindustrie von Lancashire – cotton connection zu den Baumwollplantagen der US- amerikanischen Südstaaten – und dem Selbstbewusstsein einer Arbeiterin. Neben dem Schwerpunkt Geschichtsanschauung enthielt Remake zwei weitere Programme. Das eine führt die mit Remake 2018 begonnene „Geschichtsschreibung“ zu feministischen Filmfestivals fort: Ende der 1980er-Jahre gründeten Filmemacherinnen aus Osteuropa einen internationalen Verband, der Austausch und Kooperation von Frauen im Film förderte und Kongresse mit Filmschauen veranstaltete: KIWI – Kino Women International. Filmvorführungen und Gespräche vergegenwärtigten die Geschichte von KIWI. Das andere Programm brachte die Filme der Filmemacherin, Malerin und Fotografin Ella Bergmann-Michel (1895–1971) zur Aufführung und stellt die vielfältigen film- und kinokulturellen Aktivitäten und sozialreformerischen Bezüge dieser Pionierin der klassischen Moderne vor, die derzeit auch international eine Wieder-Entdeckung erfährt.

Remake. Frankfurter Frauen Film Tage 2018

Der Auftakt zum Festival Remake stand im Zusammenhang mit der Ausstellung und Veranstaltungsreihe „Damenwahl! – 100 Jahre Frauenwahlrecht“ des Historischen Museums Frankfurt vom August 2018 bis Januar 2019. Unser Programm fand im November 2018 statt und konzentrierte sich auf den thematischen Schwerpunkt „100 Jahre Frauenwahlrecht – 50 Jahre Feministische Filmarbeit“. Geplant wurden Filme, einführende Vorträge, Gespräche und Rahmenveranstaltungen. Das Festival bestand aus mehreren Teilen: Filme zur Suffragettenbewegung, Rechtsthemen insgesamt im Film der 1910er, 20er und 30er Jahre wie das Sexualstrafrecht, Eherecht, § 218. Darüber hinaus Filme, welche die konfliktreiche Transformation der Frauenrolle, die Veränderung der Lebensbedingungen in Arbeit und Liebe zeigen. All diese Themen durchziehen bis heute die feministische Filmarbeit, vielleicht je anders gewichtet, je anders wahrgenommen. Unser Programm sollte Bögen schlagen durch das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart; zugleich sollte es ins Bewusstsein rufen, dass es Emanzipationsbewegungen der Frauen nicht nur in den westlichen Ländern gab, sondern auch in anderen Teilen der Welt.

Der Frankfurter Filmmacherin Recha Jungmann war die Personale gewidmet. Wir zeigten ihre drei Langfilme und einige ihrer Kurzfilme, die alle zwischen 1967 und 1981 entstanden sind. Recha Jungmann war bei den Aufführungen zu Gesprächen anwesend.

Die 2018er Ausgabe des Festivals eröffnete den Rückblick mit dem Women´s Event des Filmfestivals Edinburg 1972. Gäste waren Laura Mulvey und Lynda Myles – die damals zusammen mit der früh verstorbenen Claire Johnston den Event ins Leben gerufen haben.