EGY 1992 | Regie: Ateyyat El Abnoudy | Kamera: Emad Fareed | Schnitt: Mohammed El Sayyed | Herstellungsleitung: Abdul Hameed Ghoneim | Tonaufnahmen: Hassan Armin, Ahmed Abdel Raouf | Tonmischung: Magdy Kamel | Produktion: Youssef Hassan, Abdul Rahman Mohsen, National Film Centre Egypt | Farbe | DCP | 28 min | arab. OV mit engl. UT | Cimatheque Cairo

Der Suezkanal ist für die nationale Erzählung Ägyptens von kaum zu überschätzender Bedeutung. Auch Ateyyat El Abnoudy hat in dieser Gegend immer wieder gedreht. Die ersten zehn Minuten [des Films] geben, mit zahlreichen historischen Fotografien, einen Bericht von der Entstehung des Kanals zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer. Hervorgehoben wird das gigantische Opfer, das die einfachen Menschen, die Bauern, bei den Bauarbeiten brachten. Diese heroische Leistung wird in der Gegenwart der frühen neunziger Jahre konterkariert durch eine neue profitierende Klasse, die in der Kanalregion die angestammte Bevölkerung zu verdrängen beginnt, weil sich die Küste dort als tourismusgeeignet erweist. Ein Fischerhafen findet sich plötzlich eingezwängt zwischen Hotelpiers, reiche Leute aus Kairo beginnen die Kanalstraße abzusperren, damit niemand ihren Villen zu nahe kommt.

„Wir haben niemand, an den wir uns wenden können“, klagen die Leute, „sollen wir uns bei Präsident Bush beklagen?“ Der Verweis auf den obersten Schirmherrn der Globalisierung deutet an, was auch in vielen anderen Zusammenhängen eine Rolle spielt: die koloniale Vergangenheit Ägyptens, seine Rolle in den geopolitischen Allianzen, auch das spielt bis in die Tiefe des Alltags der Menschen hinein. (Bert Rebhandl, FAZ, 27.5.2021)


FR 1975 | Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Produktion: Djouhra Abouda, Alain Bonnamy | Musik: Djamel Allam | Farbe | DCP von 35mm, restaurierte Fassung | 60 min | arab./franz. OV mit engl. UT | Talitha

„Jedes Bild ist so gefilmt, das es euch wie ein Faustschlag trifft“ (Djouhra Abouda, 1979) in diesem experimentellen, politischen und radikalen Film über die Erfahrungen migrantischer Arbeiter*innen in Frankreich Mitte der 1970er Jahre.

Ali au pays des merveilles [dt.: Ali im Wunderland] von Abouda und Bonnamy zeigt die Ausbeutung und den Rassismus, für die der Film entschieden den französischen Staat, die Medien, den Kapitalismus und die Kolonisierung verantwortlich macht, in einem System der Unterdrückung, das die Betroffenen aufreibt. 

Auf 16mm gedreht, verbindet der Film durch den direkten Dialog mit marginalisierten Menschen formalen und ästhetischen Erfindungsreichtum mit einem mächtigen, militanten Zweck. „Ich habe die alltäglichen Handlungen von migrantischen Arbeiter*innen mit der Lupe untersucht“, sagt Djouhra Abouda (Tahar Ben Jelloun, Djouhra et Ali au pays des merveilles, Le Monde, 03.01.1977). Es brauchte ein Jahr bis Drehortsuche und Recherche abgeschlossen waren (eine lange Liste rassistischer Verbrechen um 1975 wird abgespielt) und auch sorgfältig detaillierte kinematographische Effekte (ruckartige Bewegungen, Verzerrungen, Doppelbelichtungen, zeitliche Lücken, Aufnahmen in Zeitlupe und -raffer). Die Bildkompositionen mit Filmmusik von Djamel Allam führen uns vom Reich des Dokumentarischen zum Ballet (inkl. Müllabfuhr), zum Musical (Höhepunkte sind das Wetter, Not und Wucher) und sogar ins Fantasygenre (mit Grabsteinen von Soldaten, die bei der Verteidigung Frankreichs zwischen 1914 und 1918 starben, überlagert von Gesichtern). Der Film gibt auch den Vergessenen eine Stimme: Frauen, die bis dahin in Filmen und Dokumenten über die Kämpfe der migrantischen Arbeiterinnen meist ausgelassen wurden.

Der Film wurde vergessen und blieb unsichtbar, ein Opfer der Non-Konformität mit den zwei damals gegensätzlichen Strömungen, deren Konturen er zerstört hatte: dem interventionistischen (oder militanten) und dem experimentellen Film.

Nach diesem Film ließen Abouda und Bonnamy das Kino hinter sich und wendeten sich anderen Ausdrucksformen zu. (Léa Morin, Il cinema ritrovato, Bologna)

Im Anschluss Gespräch mit Djouhra Abouda


SA, 27.11.21

16.00

Pupille – Kino in der Uni

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