Programm: Neues Frankfurt: Die Filmaktivistin Ella Bergmann-Michel

Remake bringt die Filme der Malerin, Fotografin und Filmemacherin Ella Bergmann-Michel (1895-1971) zur Aufführung und stellt die vielfältigen filmkulturellen Aktivitäten und sozialreformerischen Bezüge dieser Pionierin der klassischen Moderne vor, insbesondere ihre Kino-, Programm- und auch Festivalarbeit. Wir zeigen alle Filme von Ella Bergmann-Michel.

Kuratiert von Bettina Schule Strathaus. Gäste: Jutta Hercher, Madeleine Bernstorff u.a. 

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Ella Bergmann-Michels Filmarbeit begann in enger Verflechtung mit den Aktivitäten des Neuen Frankfurt. Die Dokumentation des von Mart Stam erbauten Budge-Hauses Wo wohnen alte Leute war ein „Instruktionsfilm“ für den Bau menschengerechter Altersheime, allerdings, wie sie schrieb, „keine zufällige Reportage, keine fotografierte Architektur, sondern Blick in den lebendigen Organismus […].“ Erwerbslose kochen für Erwerbslose diente unmittelbar als Intervention, nämlich als Spendenkampagne für die selbstorganisierten öffentlichen Küchen des Hilfswerks. Ihre drei weiteren Filme drehte sie parallel im Jahr vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Für Fliegende Händler nutzt Ella Bergmann-Michel die Unauffälligkeit der mobilen Kinamo-Kamera, um sich in den öffentlichen Stadtraum einzumischen. In den Straßen Frankfurts erforscht sie die Überlebensstrategien der ‚fahrenden Händler‘, sie übersteigt Zäune, klettert auf ein Karussell, filmt das Jahrmarktstreiben. Ebenfalls „ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“ drehte sie den experimentellen Filmessay über einen Spaziergang und Fischfang in der Rhön. In Wahlkampf 1932 erhält ihr detailgenauer Blick zusätzliche politische Schärfe, sie registriert den Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, das sichtbare Einverständnis der Bevölkerung und die Reste von Widerstand.

Wir zeigen alle 5 Filme von Ella Bergmann-Michel, und im Anschluss Jutta Herchers und Maria Hemmlebs Filmporträt über die Künstlerin und Filmemacherin.

Zu Gast: Jutta Hercher und Madeleine Bernstorff, beide seit langer Zeit mit Ella Bergmann-Michels Arbeit befasst, sprechen über ihre Forschungen und Präsentationen als Filmemacherin und als Filmkuratorin.

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Ein musterhaftes Beispiel sachgemäßer Lösung drängender Wohnungsfragen gibt uns der Film von Bergmann-Michel Wo wohnen alte Leute?. Er zeigt uns das vorbildliche Altersheim, welches der Architekt Mart Stam für Frankfurt Main gebaut hat. Dieser Film soll in der ganzen Welt Propaganda machen für eine wichtige Sache." („Neue Filme vom Bauen“, Kunst und Volk, Heft 5, Januar 1932) „Kollektiv“, lautete der Titel des Bauentwurfs. Gerade die Momente der sozialen Begegnung interessieren Ella Bergmann-Michel, wie die Bewohner*innen lässt sie sich von den Möglichkeiten und Abweichungen leiten, die die offene Raumgestaltung bietet. „Ein heiteres Verweben der Räume, die Promenoirs und Plauschecken gleiten durch die Scheiben ineinander hinein. Ein mätzchenloser Werbefilm, eine gefilmte Fibel gegen Vorurteile.“ (Frankfurter Zeitung vom 15.1.32)

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 „Dokumentarischer Film über das Hilfswerk der Frankfurter Erwerbslosenküchen, lief in September 1932 in sämtlichen Frankfurter Kinos als Auftakt zu einer großen öffentlichen Sammlung. Die Frankfurter Zeitung schrieb: ‚dieser Film demonstriert auf eine simple Weise, vollständig ungeschminkt, die Erbärmlichkeit des schlimmsten, des erwerbslosen und zugleich mittellosen Daseins...‘ Er zeigt weiter die soziale Bedeutung der Küchen ebenso wie ihre Organisation. [...] Der Leitgedanke des Films ist: Alle müssen helfen!“ (Ella Bergmann-Michel, The Getty Research Institute, 88-A256; 880303) „Es ist interessant, dass große Filmgesellschaften die Herstellung eines derartigen Bildstreifens wie den der Erwerbslosen-Küchen ablehnten, da schon die Kosten allein für Lampenpark als zu hoch bezeichnet wurden. Frau Bergmann-Michel musste deshalb den Film auf eigene Faust trotz großer Schwierigkeiten mit den geringsten Mitteln herstellen.“ (Volksstimme Frankfurt, 29.9.32)

Fliegende Händler in Frankfurt am Main

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 37 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film in den Straßen und auf den Plätzen Frankfurts aufgenommen – durch Beobachtung erwischte Aufnahmen beruflichen Lebens verschiedener Händler, die in der Erwerbslosen Zeit teils ohne polizeiliche Genehmigung ihre Waren verkauften.“ (Ella Bergmann-Michel, Notizen zu ihren Filmen, Sprengel-Archiv Inv.-Nr. A 40.04c-01-)
Anfang der dreißiger Jahre sind weibliche Aufbruchsphantasmen, Selbstermächtigung und Flaneurinnen als mediale Bilder längst gesetzt, dass aber eine Frau mit Filmkamera ihrerseits flanierend die städtische Lebenswelt einschließlich ihrer versteckten Winkel beobachtet und in Szene setzt, ist ein solitärer Aufbruch in die Öffentlichkeit. Buchstäblich begibt sie sich hinter die Kulissen der „fahrenden Händler“ und des Jahrmarktgeschehens.

Fischfang in der Rhön (an der Sinn)

DE 1932, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, 16mm, stumm, 11 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film über einen Spaziergang in der Rhön und Fang von Forellen und Äschen. Film-Material: selbst gestellt – ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“, notiert Ella Bergmann-Michel nüchtern über diesen filmischen Bewusstseinsstrom. Plätschernd gehen organische und abstrakte Figuren ineinander über, Licht und Schatten bewegen sich wellenförmig. Die Landbewohner*innen aus der Umgebung werden mit in den Bilderfluss geholt, ihre Tätigkeiten werden für einen Moment genau studiert, der direkte Blick in die Kamera erwischt auch uns.

Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)

Fragment. DE 1932/33, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Der das Straßenbild absuchende Blick der Kamera bekommt zusätzliche politische Schärfe. Sie verweilt vor Litfaßsäulen und studiert die am abgerissenen Papier sichtbaren Zeichen des Protestes, sie sucht die Ausgänge der Arbeitsstätten, um die Angestellten zu beobachten, sie registriert verwundert die gewöhnlichen Gesten in bedrohlichen Uniformen, sie folgt dem sich versammelnden Wahlvolk, bleibt hinter einem Fahnenmast stehen. Mit zunehmender Krise und manifestem Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, mit dem merklichen Einverständnis und der Selbstinszenierung der mehrheitlichen Bevölkerung, und mit den verschwindenden Resten spürbaren Widerstands wird die Flaneurin zur Zeugin, sie sichert Beweise.

Mein Herz schlägt blau – Ella Bergmann-Michel

BRD 1989, R, B, K, S Jutta Hercher, Maria Hemmleb, M Ernst Bechert, P Jutta Hercher, E Franz Winzentsen, Hans Michel, Kopie Farbe u. s/w, DCP von 16mm, 30 min, dt. OV mit engl. UT, Kinemathek Hamburg

„Der Film besteht vor allem aus ihren Arbeiten: Zeichnungen und Collagen, Fotografien und Sequenzen aus ihren Dokumentarfilmen. Ella Bergmanns Vielfältigkeit, ihre Arbeit mit verschiedenen Medien, findet sich auf formaler Ebene in dem Film wieder. Er bringt zusammen, was oft fälschlicherweise getrennt wird, nämlich die Malerin auf der einen Seite, die Dokumentarfilmerin auf der anderen. Das ergibt viel Material in 30 Minuten.“ (Jutta Hercher) „Einen Ausdruck durch Bildbau, Komposition und Formen zu erreichen ist für mich immer das Wesentliche. [...] Dieses mag während der Arbeit – wer kann überhaupt sagen wie und wann ein Mensch zu Entdeckungen kommt – es kann aber auch vorher als Gedanke entstanden sein.“ (Ella Bergmann-Michel, Sprengel Museum Hannover, Inv.-Nr. A 44.03b -01-)


SA 30.11.19

13.30

Pupille – Kino in der Uni


Internationalität, soziale Schubkraft und die technisch-künstlerische Eigengesetzlichkeit des Materials waren für Ella Bergmann-Michels Arbeit zentral. Dieser Ansatz fügte sich mit dem Konzept des Bundes Neues Frankfurt produktiv zusammen, nicht nur in der Arbeitsgemeinschaft für den modernen Film, sondern auch als Voraussetzung und Impuls für ihre ersten beiden Filme. Wir zeigen sie hier noch einmal, zusammen mit Paul Wolffs, Jonas Geists und Joachim Krausses Filmen über die „Frankfurter Küche“. Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und kollektive Unterwanderungsstrategien in Wohnanordnungen insbesondere für Frauen sind auch Thema für unseren Gast Gabu Heindl (Architektin, Wien), die Margarete Schütte-Lihotzky noch persönlich kannte und die diese Herausforderungen mit ihren Projekten gezielt aufsucht.

Zu Gast Gabu Heindl

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Bereits die Entstehungsgeschichte des im Film porträtierten Budgeheimes steht für den gemeinsamen sozialen Imperativ von bürgerlichem Mäzenatentum und neusachlicher, massenkulturell ausgerichteter Moderne. Dem jüdischen Stifterpaar Henry und Emma Budge war an Kollektivität gelegen: Ein wichtiger Stiftungsgrundsatz galt der „Gleichheit wohlhabender Bürger und notleidender Menschen“. Der Architekturentwurf nahm das nicht nur im Titel „Kollektiv“ auf, hervorgehoben wurde von der Wettbewerbsjury „die Anordnung der im Mittelpunkt der Gebäudegruppe untergebrachten Wirtschafts- und Gemeinschaftsräume, wie überhaupt Wesen und Geist des Altersheims gerade in diesem Entwurf besonders klar zum Ausdruck gelangt“. Im Film spielen sich öffnende Türen und Passagen eine große Rolle, oft in Verbindung mit dem öffentlichen Leben, etwa dem Briefkasten, der Tageszeitung, oder dem Gemeinschaftsgarten. Auch die eingefügten Trickaufnahmen setzen diesen Akzent, wenn sie als „bewegte Zeichnungen“ die Mobilität der Architektur vorführen, Flügeltüren öffnen und kleine Zellen in einen großen Gemeinschaftsbereich überführen.

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Selbsthilfe ist nicht nur Gegenstand des Films, sondern auch Grundlage seiner Produktion: In kurzer Zeit warben die Mitglieder der Filmliga die nötigen Produktionsgelder in der „Haute Volée der Frankfurter Gesellschaft“ (Robert Michel) ein. Der Vermieter der Lagerhalle für die Lebensmittel verzichtete auf die Miete, aus den Gärten der May-Siedlungen wurde Gemüse gestiftet, die Lebensmittel wurden mithilfe der bei „fliegenden Händlern“ geliehenen Karren von den Frauen der „praktischen Küche“ abgeholt, für die öffentlichen Aufführungen an der Hauptwache gestalteten Grafiker Schilder und Plakate, ein arbeitsloser Schaffner zählte mit seinem Münzzählgerät die Spenden und Einnahmen, und nicht zuletzt diente die öffentliche Küche als Gemeinschaftsraum vor allem im Winter, „wie Bibliotheksräume“, man erzählte einander Geschichten, „persönliche Ambitionen“.

Die Frankfurter Küche

DE 1927, R Paul Wolff, P Paul Wolff, Humboldt-Film GmbH, Kopie s/w, 35mm, stumm, 7 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Dr. Paul Wolff & Tritschler, Historisches Bildarchiv, Offenburg

Aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen über sämtliche Wege und Handgriffe bei der Küchenarbeit entwickelte Margarete Schütte-Lihotzky eine Normküche mit fest eingebautem Mobiliar auf rund 6,5 Quadratmetern. Als Vorbild diente die Mitropa-Speisewagenküche. Ziel war es, der (berufstätigen) Frau die Hausarbeit zeitlich und vom Kraftaufwand her zu erleichtern und die technischen Voraussetzungen für eine fortschreitende Emanzipation zu schaffen. Zudem ging es um eine verbesserte Hygiene. [...] Die Küche wurde in den May-Siedlungen etwa 10.000 mal in unterschiedlichen Varianten installiert und gilt als Prototyp für die moderne Einbauküche. Um für die neue Form der Arbeitsküche bei potentiellen Nutzern zu werben, drehte Paul Wolff im Auftrag der Stadt Frankfurt 1928 den Dokumentarfilm Die Frankfurter Küche. (Jutta Zwilling, Frankfurter Personenlexikon)

Die Frankfurter Küche

BRD 1985, R Jonas Geist, Joachim Krausse, Kopie digital, 42 min, absolut MEDIEN

1925 zum Frankfurter Stadtbaurat ernannt, versammelte Ernst May einen Stab junger Architekten, Planer und Designer um sich. Mit dem umfassenden Anspruch auf Gestaltung einer modernen Wohnkultur [...] profilierte sich das Neue Frankfurt als innovativstes Großprojekt des Neuen Bauens der 20er Jahre. (DVD-Booklet Edition Bauhaus - Das Neue Frankfurt, absolut Medien) 60 Jahre später stellen die Filmemacher den Siedlungsbau des Neuen Frankfurt sowohl aus der historischen Perspektive dar, als auch aus der Sicht der Nutzer*innen der Gegenwart im Jahr 1985. Der hier gezeigte Teil 3 konzentriert sich auf die Frankfurter Küche. Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erläutert im Interview die Entstehungsgeschichte ihres Konzeptes, Bewohner*innen führen die Nutzung in der Realität vor, Archivmaterial und neue Aufnahmen enthüllen, wie sich Wohnmodell und gelebtes Wohnen wechselseitig anpassen.


MI, 22.1.20

18.00

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum


Aufführung aller Filme von Ella Bergmann-Michel in neuer Digitalisierung (2K-DCP) und Präsentation von neu aufgefundenem Filmmaterial

Filmgeschichte ist immer auch die Geschichte von Zerstörung und Verlust, manchmal von Wiederfinden. Die Ausgangslage für „gültige“ Fassungen von Ella Bergmann-Michels Filmen war stets kompliziert und ist es immer noch. Einige Rollen nahm Paul Seligmann mit ins Exil, manche Filme wurden aufgrund der politischen Lage erst nachträglich montiert, andere galten lange als verschollen. Für die 2006 In der „Edition filmmuseum“ erschienene DVD wurden Ausgangsmaterialien unterschiedlicher Herkunft verwendet. Neben den in diesem Jahr neu hergestellten Digitalisaten zeigen wir erst kürzlich entdecktes Material:

Von Wo wohnen alte Leute liegt nun eine abweichende Arbeitsfassung aus dem Nachlass des Architekten Mart Stam vor, die enger am ursprünglichen Script von Ella Bergmann-Michel und Mart Stam orientiert ist und vermutlich einen ersten Entwurf darstellt. Zu Fischfang in der Rhön wurde ein längerer Rohschnitt gefunden, der zahlreiche ursprünglich gedrehte, aber nie verwendete Szenen beinhaltet – besonders die ländliche Umgebung und die Bewohner*innen des Sinntals treten hier in den Vordergrund. Gelegentlich nannte Bergmann-Michel diesen Film auch Spaziergang in der Rhön, was diese Fassung gut beschreibt. 

Sünke Michel, die Schwiegertochter Ella Bergmann-Michels, spricht über den künstlerischen Lebenslauf, Arbeitstechniken und die Wieder-Entdeckung der Filme. Thomas Worschech vom DFF kommentiert und erläutert die Materiallage und Editionsgeschichte der Filme.

Erstaufführung der digital restaurierten Kopien und des neu entdeckten Materials

Im Anschluss Gespräch mit Sünke Michel und Thomas Worschech

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Ein musterhaftes Beispiel sachgemäßer Lösung drängender Wohnungsfragen gibt uns der Film von Bergmann-Michel Wo wohnen alte Leute?. Er zeigt uns das vorbildliche Altersheim, welches der Architekt Mart Stam für Frankfurt Main gebaut hat. Dieser Film soll in der ganzen Welt Propaganda machen für eine wichtige Sache.“ (Neue Filme vom Bauen, Kunst und Volk, Heft 5, Januar 1932) „Kollektiv“, lautete der Titel des Bauentwurfs. Gerade die Momente der sozialen Begegnung interessieren Ella Bergmann-Michel, wie die Bewohner*innen lässt sie sich von den Möglichkeiten und Abweichungen leiten, die die offene Raumgestaltung bietet. „Ein heiteres Verweben der Räume, die Promenoirs und Plauschecken gleiten durch die Scheiben ineinander hinein. Ein mätzchenloser Werbefilm, eine gefilmte Fibel gegen Vorurteile.“ (Frankfurter Zeitung vom 15.1.32)

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 „Dokumentarischer Film über das Hilfswerk der Frankfurter Erwerbslosenküchen, lief in September 1932 in sämtlichen Frankfurter Kinos als Auftakt zu einer großen öffentlichen Sammlung. Die Frankfurter Zeitung schrieb: ‚dieser Film demonstriert auf eine simple Weise, vollständig ungeschminkt, die Erbärmlichkeit des schlimmsten, des erwerbslosen und zugleich mittellosen Daseins...‘ Er zeigt weiter die soziale Bedeutung der Küchen ebenso wie ihre Organisation. [...] Der Leitgedanke des Films ist: Alle müssen helfen!“ (Ella Bergmann-Michel, The Getty Research Institute, 88-A256; 880303) „Es ist interessant, dass große Filmgesellschaften die Herstellung eines derartigen Bildstreifens wie den der Erwerbslosen-Küchen ablehnten, da schon die Kosten allein für Lampenpark als zu hoch bezeichnet wurden. Frau Bergmann-Michel musste deshalb den Film auf eigene Faust trotz großer Schwierigkeiten mit den geringsten Mitteln herstellen." (Volksstimme Frankfurt, 29.9.32)

Fliegende Händler in Frankfurt am Main

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 37 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film in den Straßen und auf den Plätzen Frankfurts aufgenommen – durch Beobachtung erwischte Aufnahmen beruflichen Lebens verschiedener Händler, die in der Erwerbslosen Zeit teils ohne polizeiliche Genehmigung ihre Waren verkauften.“ (Ella Bergmann-Michel, Notizen zu ihren Filmen, Sprengel-Archiv Inv.-Nr. A 40.04c-01-) Anfang der dreißiger Jahre sind weibliche Aufbruchsphantasmen, Selbstermächtigung und Flaneurinnen als mediale Bilder längst gesetzt, dass aber eine Frau mit Filmkamera ihrerseits flanierend die städtische Lebenswelt einschließlich ihrer versteckten Winkel beobachtet und in Szene setzt, ist ein solitärer Aufbruch in die Öffentlichkeit. Buchstäblich begibt sie sich hinter die Kulissen der "fahrenden Händler" und des Jahrmarktgeschehens.

Fischfang in der Rhön (an der Sinn)

DE 1932, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, DCP von 16mm, stumm, 11 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film über einen Spaziergang in der Rhön und Fang von Forellen und Äschen. Film-Material: selbst gestellt – ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“, notiert Ella Bergmann-Michel nüchtern über diesen filmischen Bewusstseinsstrom. Plätschernd gehen organische und abstrakte Figuren ineinander über, Licht und Schatten bewegen sich wellenförmig. Die Landbewohner*innen aus der Umgebung werden mit in den Bilderfluss geholt, ihre Tätigkeiten werden für einen Moment genau studiert, der direkte Blick in die Kamera erwischt auch uns.

Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)

Fragment. DE 1932/33, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Der das Straßenbild absuchende Blick der Kamera bekommt zusätzliche politische Schärfe. Sie verweilt vor Litfaßsäulen und studiert die am abgerissenen Papier sichtbaren Zeichen des Protestes, sie sucht die Ausgänge der Arbeitsstätten, um die Angestellten zu beobachten, sie registriert verwundert die gewöhnlichen Gesten in bedrohlichen Uniformen, sie folgt dem sich versammelnden Wahlvolk, bleibt hinter einem Fahnenmast stehen. Mit zunehmender Krise und manifestem Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, mit dem merklichen Einverständnis und der Selbstinszenierung der mehrheitlichen Bevölkerung, und mit den verschwindenden Resten spürbaren Widerstands wird die Flaneurin zur Zeugin, sie sichert Beweise.


MI, 29.1.20

18.00

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum


Ella Bergmann-Michels Filmkulturarbeit ist glücklicherweise rekonstruierbar. Sie selber maß gerade auch ihren weniger bekannten Tätigkeiten als Programmmacherin, Filmvermittlerin und Vortragsreisende große Bedeutung bei und warf nichts weg: Handgeschriebenes wurde abgetippt, datiert und kommentiert, Hefte sind mit Filmlisten und Bemerkungen gefüllt. Ihre Vortragsnotizen finden sich auf die Ränder von Quittungen gekritzelt, die Rückseiten von Luftpostumschlägen, auf Pappkartondeckeln oder Papierservietten. Von den fertigen Vorträgen gibt es Manuskriptfassungen, die direkt die Zuschauer*innen adressieren. Die Sprache für ihren Vortragszyklus „50 Jahre Filmschaffen“ musste sie in den frühen 50er Jahren oft selbst erfinden, von Wortschöpfungen („Schaumannsarbeit“, „Bilddichter“) bis hin zu allgemeinverständlichen Erklärungen zur technischen Entwicklung der Kinematographie. Sie machte keinen Hehl aus ihren Vorlieben – sie bewunderte die abstrakten Filme Norman McLarens, sie liebte Asta Nielsen – präsentierte aber Filme quer durch die Genres und die Geschichte. „Dieser unerzogene Wildling aus Technik und Abenteuerlust – aus Bild und Literatur“ sollte sich in all seinen Erscheinungen zeigen. Dem Publikum sprach sie Mut zum Experiment zu „Ich bitte Sie den kleinen Filmen […] möglichst vorurteilsfrei entgegen zu treten“, sie lud aber auch zum Widerspruch ein. Wir präsentieren eine Collage aus ihren Texten und einigen von ihr präsentierten Filmen, als Kombination von Lesung und Kinovorführung, in eben jenem Festsaal des Studierendenhauses, in dem sie oft ihre Programme vorstellte.


SA, 01.02.20

20.15

Pupille – Kino in der Uni