Woher wir kommen, wohin wir gehen

Ein Ausgangspunkt für den Generationen-Programmschwerpunkt bei Remake war eine personelle Veränderung bei der Kinothek Asta Nielsen; das fünfte Festival ist das erste, das wir nach dem Abschied von Karola Gramann und Heide Schlüpmann aus der Kinotheksarbeit veranstalten. Das Thema hat uns in den vergangenen Jahren folglich im Arbeitsalltag begleitet, wie auch die Sammlungstätigkeit der Kinothek verstärkt mit der Übernahme von Archivmaterialien der älteren Generationen beschäftigt ist.

Eine weitere Inspirationsquelle für die Themensetzung ist das Werk der georgischen Filmemacherin Lana Gogoberidze, die bereits 2021 an Remake teilnahm. Das Filmemachen folgt in ihrer Familie einer matrilinearen Logik, in drei Generationen. Ihre Mutter Nutsa Gogoberidze (1902−1966) war Georgiens erste Regisseurin und auch Salomé Alexi, Tochter von Lana Gogoberidze, ist Filmemacherin geworden. Den aktuellen Dokumentarfilm Gogoberidzes, der in Ko-Autorinnenschaft mit ihrer Tochter entstand – MOTHER AND DAUGHTER, OR THE NIGHT IS NEVER COMPLETE (GEO, FR 2023) – zeigen wir mit weiteren Filmen der Gogoberidze-Dynastie.

Mutter-Tochter-Beziehungen begegnen uns in gleich mehreren Programmen: Park Soo-nam und Park Maeui arbeiten gemeinsam daran, Park Soo-nams reiches dekoloniales Filmarchiv zu retten (THE VOICES OF THE SILENCED, JP, KOR 2023), Carmen Spitta führt mit ihrer aktivistischen Arbeit die ihrer Mutter, der Sinti-Bürgerrechtlerin Melanie Spitta, fort und wird mit weiteren Gästen zu den Filmen von Melanie Spitta und Kathrin Seybold sprechen. Gleichsam antithetisch dazu steht die radikale Entscheidung der afroamerikanischen Künstlerin und Filmemacherin Camille Billops: „I unmothered myself.“ FINDING CHRISTA (USA 1991) problematisiert traditionelle Familienmodelle und -beziehungen und plädiert für eine Demokratisierung der Sorgearbeit. Gleichzeitig reflektiert Billops Filmarbeit die generationell zerstörerischen Nachwirkungen der Sklaverei.

Intergenerationelle Perspektiven auf Bewegungs- und Community-Geschichte – gemeinsames Erinnern – sind ebenfalls Teil von Woher wir kommen, wohin wir gehen. Wir widmen uns mit Filmen und Gesprächsrunden dem AIDS-Aktivismus der 80er und 90er Jahre, der Selbstorganisation von Südostasiatinnen in der BRD und sektionenübergreifend der feministischen Filmfestivalarbeit im Kontext repressiver politischer Bedingungen.

Nicht zu kurz kommen soll das Schwelgen in bestimmten Lebensgefühlen und Lebensaltern, das Sich-Treiben lassen und Wachsen: jugendlich (MORAL, PHL 1982), im Alter (THE LADY FROM CONSTANTINOPLE, HU 1969), oder leidenschaftlich verliebt im period piece DESERT HEARTS, der eine lesbische Lovestory in den USA Ende der 1950er Jahre erzählt. Woher wir kommen, wohin wir gehen meint verschachtelte generationelle Verhältnisse, keine lineare Abfolge, keine schlichte Kontinuität oder Diskontinuität, eher komplexe Beziehungen der „Verhandlung, Wiederholung, Aneignung und Erneuerung;“ (Victoria Browne) filmische, feministische, queere und eben generationenübergreifende Verknüpfungen von Blicken und Begehren in und durch Filme, geteilte Kämpfe, wechselseitige Sorge und Bezugnahme, Sehnsucht nach feministischen „Ahn*innen“ und Hoffnung auf die kommenden Gemeinschaften, Frauen*, Filme und Festivals.

Gaby Babić

Woher wir kommen, wohin wir gehen
Woher wir kommen, wohin wir gehen

Dokumentaristin und Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen

Nach einer Ausbildung in Fotografie im Berliner Lette Verein studierte Gisela Tuchtenhagen ab 1968 als eine der ersten Frauen an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Passend zum Schwerpunktthema der diesjährigen Ausgabe von Remake befasst sich auch ihr Werk mit Generationenverhältnissen. Wir widmen der Dokumentaristin und Kamerafrau eine Personale, die einen Querschnitt aus ihrem umfangreichen Werk zeigt:

In der fünfteiligen dokumentarischen Serie HEIMKINDER (1985–86) begleitet sie eine ungewöhnliche Reisegruppe aus straffällig gewordenen Jugendlichen und ihren Heimerzieher*innen (wir zeigen Teil 2 und Teil 4). Ihre Dokumentarfilm-Methode beschreibt Gisela Tuchtenhagen als eine Zuneigung, die Menschen vollziehen, wenn sie sich wohl fühlen und vor der Kamera öffnen. Sie selbst wird zur Protagonistin in dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Quinka Stöhr (ZUNEIGUNG, 2006). Bei einem Sommerkurs der Akademie der Künste lernte die Regisseurin Gisela Tuchtenhagen und Klaus Wildenhahn kennen – das Regie-Duo und ehemalige Liebespaar hat zahlreiche bedeutende Dokumentarfilme geschaffen. Wir zeigen eine spätere gemeinsame Arbeit: FREIER FALL: JOHANNA K. (1992), ein behutsames Porträt zweier Transfrauen Anfang der 1990er Jahre.

Gisela Tuchtenhagen ist in ihrer Arbeit der Frauenbewegung tief verbunden, auch wenn sie dies nie besonders herausgestellt hat. Mit den Filmen FÜR FRAUEN – 1. KAPITEL (1971) von Cristina Perincioli und EKMEK PARASI (1994) von Serap Berrakkarasu war ihre Kameraarbeit bereits beim Remake-Festival zu sehen. Dieses Mal zeigen wir eine NDR-Reportage von Barbara Schönfeldt, bei der Gisela Tuchtenhagen die Kamera führte: Ein Frauenteam auf der zweiten Hamburger Frauenwoche dokumentiert die Konfliktlinien innerhalb der Frauenbewegung in Deutschland aus der Sicht migrantisierter Frauen. WAS WISSEN WIR SCHON VON DENEN? (1982) kombinieren wir mit einer der ersten Regie-Arbeiten von Tuchtenhagen, der Wochenschau IM AUFTRAG DER ARBEITERBEWEGUNG (1970), entstanden im Umkreis der DFFB, über Streikmobilisierung in Italien und deren Medienstrategie. Es ist ein bedeutendes Dokument dieser frühen Politisierungsphase an der Filmakademie und steht für einen von Tuchtenhagens Themenschwerpunkten. In SING IRIS, SING – FRAUEN LERNEN MÄNNERBERUFE (1978), ihrer ersten Regiearbeit ohne Wildenhahn, begleitet sie, mit Monika Held am Mikrofon, das erste Umschulungsprojekt für arbeitslose Frauen in der Bundesrepublik.

Das zweite Doppelprogramm zeigt VIOLETTA CLEAN (1988), ein selbstverwaltetes Suchthilfetherapieprogramm für junge Frauen, ebenfalls das erste in der BRD. Vom hessischen Rundfunk produziert, sollte der Film laut Regisseurinnen Gerda E. Grossmann und Margit Eschenbach auch zur Aufklärung in sozialen Einrichtungen benutzt werden. DONNERSTAG NACHMITTAG – TREFFPUNKT INSEL (2005) entstand in erster Linie für die Menschen mit Behinderung, die an dem Film und dem Verein „in selbstbestimmung leben“ beteiligt waren und sind.

Fiona Berg, Borjana Gaković

Dokumentaristin und Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen

Tribut Studio Tatjana / International Women’s Film Festival Minsk (1991–2003)

„Woher wir kommen …“ – Remake erinnert an frühere feministische Filmfestivals und -initiativen: an das Women’s Event ’72 des Edinburgh IFFF, an KIWI – Kino Women International (1987–90), an die Gründungsgeschichten von Feminale (Köln, 1984) und femme totale (Dortmund, 1987) und schließlich beim vergangenen Festival an den Verleih CHAOS FILM, verbunden mit einer Würdigung der Filmaktivistin Hildegard Westbeld.

Hildegards Arbeit, das Archiv, das sie über Jahrzehnte aufgebaut hat und das inzwischen in der Kinothek Asta Nielsen erschlossen wurde, war einer der Ausgangspunkte für das diesjährige Tribut. Es würdigt die oppositionellen Filmarbeiter*innen des Minsker Studio Tatjana. Im Jahr 1991 gründeten die Kamerafrau Tatjana Loginowa und die Drehbuchautorinnen / Regisseurinnen Ella Milowa und Irina Pismennaja das erste und einzige „unabhängige Frauenfilm- und Videostudio“ in der ehemaligen UdSSR. Zum bekanntesten Studio-Projekt entwickelte sich das Internationale Frauenfilmfestival, das erste in Osteuropa überhaupt. Es wurde ebenfalls im Gründungsjahr des Studios in Minsk ins Leben gerufen und fand biennal bis 1999 statt. Hildegard Westbeld wurde Teil des Festival-Organisationsteams, in ihrem Archiv sind zahlreiche Materialien zum Festival und zum Studio zu finden. So auch ein Bericht der Kamerafrau und Filmemacherin Julia Kunert von 1997, der die Bedeutung des Festivals so auf den Punkt bringt: „Die laut Verfassung garantierte Pressefreiheit bewegt sich im Rahmen der Zensur. In der Kurzbeschreibung der Filme im Katalog verbergen sich hinter Umschreibungen wie ‚ein Familienschicksal‘, ‚tragischer Tod‘, ‚Identität‘ oder ‚Konflikt‘ Inhalte wie jüdische Kultur, Aids, Homosexualität, Mafia oder politischer Widerstand. Was im Katalog nicht zu lesen ist, läuft aber auf der Leinwand. Und das zählt.“

Die Gründung des Studios war in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Akt; es widmete sich nicht nur der marginalisierten Filmarbeit von Frauen zu einer Zeit, in der das unabhängige Belarus mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen hatte und die staatlichen Filmproduktionsstrukturen zusammengebrochen waren. Auch zunehmenden politischen Repressionen wurde die Stirn geboten. Die rechercheintensiven Filmarbeiten des Studios sind einzigartige Quellen der nicht-offiziellen Geschichtsschreibung von Belarus. Zum Freund*innenkreis von Studio Tatjana gehörte die spätere Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, in Deutschland neben Hildegard Westbeld u.a. die Filmemacherinnen Helke Sander und Claudia von Alemann, in der Schweiz Veronika Minder …

Die filmkulturell-politische Arbeit des Kollektivs fand 2003 ein Ende; Aljaksandr Lukaschenka – seit 1994 an der Macht – ließ das Studio schließen. Das Tribut zeigt u.a. den von Remake bereits 2022 in Kooperation mit dem goEast Filmfestival rekontextualisierten Dokumentarfilm ORANGE WESTEN in der in Kooperation mit der Deutschen Kinemathek neu digitalisierten Fassung. Eine Gesprächsrunde erinnert an die Filmarbeiter*innen im und um das Minsker Studio, die Remake-Publikation versammelt Text und Materialien zur Studio-Geschichte.

Gaby Babić

Tribut Studio Tatjana / International Women’s Film Festival Minsk (1991–2003)
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