Themen

Den Anstoß zu diesem thematischen Schwerpunkt der ersten Ausgabe von Remake. Frankfurter Frauen Film Tage gab die Ausstellung Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht des Historischen Museums Frankfurt am Main. 1918 markierte einen Durchbruch im Kampf um die Rechtsgleichheit von Frauen. Der damit aber nicht erledigt war und ist. Der Kampf ging weiter: um den § 218, um das Eherecht, das Sexualstrafrecht. Um Unabhängigkeit, Berufschancen, ein neues Selbstverständnis. All diese Themen wurden auch im Kino verhandelt. Bis dann mit 1933 ein verordnetes Frauenbild durch die gleichgeschaltete Filmindustrie, insbesondere die Ufa, auf die Leinwände gelangte. Auch in der Filmweltmacht Hollywood verhinderten Zensur und Selbstzensur der Industrie weitgehend den Auftritt und den Ausdruck autonomer Frauen. 

Für die Formierung der Neuen Frauenbewegung – besonders hierzulande mit dem Jahr ’68 assoziiert – war die Begegnung und Erfahrung mit einem Kino der Domestizierung, wie es in den 30er Jahren massiv eingesetzt hatte, von entscheidender Bedeutung. Von Anfang an spielte der Gedanke eines Gegenkinos eine Rolle. Gegenkino – das hieß: selbst die Kamera in die Hand nehmen, um Wirklichkeit aufzunehmen, um die Situation der Frauen an die Öffentlichkeit zu bringen, um Forderungen zu vermitteln, um einen eigenen Ausdruck zu finden. Verbunden damit entstand eine feministische Filmkritik, eine Auseinandersetzung mit dem „klassischen“ Hollywoodkino. Und es gingen Forscherinnen auf die Suche nach einer verschütteten Frauenfilmgeschichte. 

Das StimmRecht-Programm schlägt den Bogen von „Klassikern“ der 1920er Jahre zu Filmen der Neuen Frauenbewegung. Zur wiederkehrenden Auseinandersetzung mit dem Recht auf Abtreibung etwa läuft Abort neben Cyankali. Auch die Infragestellungen des herrschenden Rechts als eines männlichen Rechts kommt in Filmen wie I cannibali, der das Antigonemotiv aufnimmt, und Processo a Caterina Ross, der uns einen Hexenprozess vergegenwärtigt, zur Geltung. Und schließlich geht es in den Filmen What happened, Miss Simone? und De Stilte rond Christine M. um die weibliche Stimme, deren Tongewalt zur politischen Kraft wird oder die in ihrem Verstummen einen Protest darstellt. Und damit auf die ausschließende Macht der herrschenden Sprache verweist.

StimmRecht öffnet mit Gulabi Gang und Days of Democracy den Horizont westlicher Frauenbewegung hin zu den Kämpfen von Frauen weltweit. Es nimmt damit auch ein wesentliches Element der Neuen Frauenbewegung wieder auf, die ja nicht nur mit der Studentenbewegung einherging, sondern auch an den revolutionären Bewegungen in Lateinamerika und den Freiheitsbewegungen Afrikas Anteil nahm. In der Vergegenwärtigung der an außerordentlichen Dokumentarfilmen reichen 70er Jahre, wie in der Wahrnehmung der Situation, der Geschichte von Frauen und der Frauenbewegungen überall auf der Welt, ist hier erst ein Anfang gemacht.

Unabhängig voneinander fanden im Sommer und Herbst ’72 in New York und Edinburgh die ersten Frauenfilmfestivals statt. Sie waren sowohl das Ergebnis eines wachsenden Bewusstseins von der gesellschaftlichen Bedeutung des Films – der bis dahin selbstverständlich mehr oder weniger einfach zum Alltag von Frauen gehörte – als auch ein entscheidender Schritt auf dem Weg, sich das Kino in allen seinen Bereichen anzueignen.
Edinburgh ’72 war das Werk von Laura Mulvey, der heutigen Doyenne des feministischen Films, Lynda Myles, Festivalleiterin des EIFF von 1973–1980 und später eine bedeutende Produzentin, sowie Claire Johnston, einer radikalen feministischen Denkerin, von der der berühmte Aufsatz „Women’s Cinema as Counter-Cinema“ stammt und die bereits in den 1980er Jahren starb.

Lynda Myles und Laura Mulvey sind zu Gast bei Remake. Mit ihnen führt Kathi Kamleitner, Filmwissenschaftlerin, ein Gespräch über Beweggründe für ein feministisches Filmfestival, über seine Möglichkeiten und die Widerstände, denen es begegnet, gestern und heute. Nachdem wir im letzten Jahr den Entschluss gefasst hatten, mit Remake auch die Geschichte der Frauenfilmfestivals nach und nach zu vergegenwärtigen, entdeckten wir, dass wir mit diesem Interesse nicht alleine dastehen. So etwa schreibt Kathi Kamleitner eine Dissertation zu den frühen Frauen­filmfestivals.

Eine seinerzeit sensationelle Entdeckung auf dem Festival in Edinburgh war der Film von Dorothy Arzner, Dance, Girl, Dance. Arzner war eine der ganz wenigen Regisseurinnen, die sich innerhalb des Hollywood-Studiosystems durchsetzen konnten. Dance, Girl, Dance wurde 1972 als Beispiel gesehen, wie Protest der Frauen innerhalb dieses Systems zum Ausdruck gelangen konnte. In Arzners Arbeit ließen sich Ansätze eines möglichen Gegenkinos entdecken. Das Aufsehen, das der Film damals erregte, ist in der BFI-Publikation The Work of Dorothy Arzner. Towards a Feminist Cinema von Claire Johnston und Pam Cook aus dem Jahr 1975 nachzulesen und Laura Mulvey wird zu Einführung von Dance, Girl, Dance darüber sprechen.

1972 hatten sich in den USA, in England und auch in der BRD bereits einige Frauengruppen und einzelne Frauen angeschickt, die Situation von Frauen und ihre oft übersehene Widerständigkeit zu dokumentieren. Einige Filme der London Women’s Film Group waren damals in Edinburgh zu sehen. Das Programm von Remake enthält eine kleine Auswahl früher feministischer Dokumentarfilme. Es laufen Women of the Rhondda, in dem vier Bergarbeiterfrauen von den harten Lebensverhältnissen im Kohledistrikt von Süd-Wales erzählen, insbesondere während des Generalstreiks der Arbeiter 1926, und Whose Choice?, ein „Lehrfilm über Abtreibung“, wie ihn Christine Gledhill und Margret Diehl 1978 nannten. 

Bei der Sichtung der Filme der Neuen Frauenbewegung waren wir überwältigt von der Fülle der unterschiedlichsten Einblicke in die Alltagswirklichkeit und die Kämpfe von Frauen. Viele Kopien jedoch waren nur schwer oder gar nicht zu bekommen, stellten sich als nicht vorführbar heraus, waren rotstichig und anderweitig beschädigt. Jedenfalls ist eine ganze Epoche engagierter Frauenfilmarbeit in den Archiven verschwunden. Und doch sollten diese Filme regelmäßiger Bestandteil des Programms Kommunaler Kinos sein, um eine Geschichte im öffentlichen Gedächtnis zu halten.

Den Arbeiten autonomer Filmemacherinnen der jüngsten Vergangenheit geht es schlecht. Remake lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Tatsache, indem wir nicht nur Kopien ausgraben, sondern Restaurierungen anstoßen und unterstützen wollen. Ein Anfang ist dieses Jahr mit den Arbeiten der Frankfurter Filmmacherin Recha Jungmann gemacht. Jungmann hat zwischen 1968 und 1982 drei Langfilme und einige Kurzfilme gedreht. Aus einer sehr persönlichen Perspektive erzählen alle ihre Filme deutsche Geschichte.

Die Filme, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filminstitut – DIF restauriert wurden, sollen nach Remake auf Kino-Tour gehen.