Remake On Location

Dykes, Camera, Action!

US 2018, R, S Caroline Berler, K Melanie McLean Brooks, M Gil Talmi, T Gisela Fulla-Silvestre, P Caroline Berler, Rebecca Benson, Kopie Farbe, DCP, 58 min, engl. OV, The Film Collaborative

Lesben hatten lange keine Chance, sich auf der Leinwand zu sehen. Aber zwischen Stonewall, der Frauenbewegung und dem experimentellen Kino der 1970er sorgten sie für Sichtbarkeit und änderten die gesellschaftliche Vorstellung von Queerness. Die Filmemacherinnen Barbara Hammer, Su Friedrich, Rose Troche, Cheryl Dunye, Yoruba Richen, Desiree Akhavan, Vicky Du, die Filmkritikerin B. Ruby Rich und die Kuratorin Jenni Olson sprechen in Interviews von bewegenden, oft aber auch urkomischen Erlebnissen und ihrem persönlichen Zugang, queere Identität durch Film zu formulieren. 

Im Anschluss Gespräch mit Su Friedrich

In Kooperation mit Filmkollektiv Frankfurt – Projektionsraum für unterrepräsentierte Filmkultur e.V.


MI 23.10.19

20.00

Mal Seh'n Kino


Exklusives Netzwerktreffen mit Regisseurin und Drehbuchautorin Teona Strugar Mitevska

Der fachliche Austausch zwischen Frauen in Film & Medien und das Knüpfen und Festigen von Kontakten stehen im Mittelpunkt. Special Guest: Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin Teona Strugar Mitevska, deren Film Gott existiert, ihr Name ist Petrunya im Anschluss Vorabpremiere feiert.

Eine Veranstaltung von WOMEN in FILM der Wirtschaftsförderung Frankfurt und WIFT Germany im Rahmen von Remake. Frankfurter Frauen Film Tage.

Ladies Only!

Eintritt frei

Anmeldung erforderlich unter https://womeninfilm-wift.eventbrite.de


SA, 2.11.19

17.30

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum


MK, BE, SI, HR, FR 2019, R Teona Strugar Mitevska, B Elma Tataragić, Teona Strugar Mitevska, K Virginie Saint Martin, S Marie-Hélène Dozo, M Olivier Samouillan, S Ingrid Simon, Thomas Gauder, Hrvoje Petek, P Sébastien Delloye, Marie Dubas, Zdenka Gold, Danijel Hočevar, Elie Meirovitz, Labina Mitevska, D Zorica Nusheva, Labina Mitevska, Simeon Moni Damevski, Suad Begovski, Violeta Shapkovska, Kopie Farbe, DCP, 100 min, mazedon. OV mit dt. UT, jip film & verleih

„Sag ihnen, du bist 24!“, rät die Mutter, als ihre Tochter wieder einmal zu einem Vorstellungsgespräch geht. Doch Petrunya ist 31 und hat dazu noch ein Fach studiert, das in Nordmazedonien (ehemals Mazedonien) niemand braucht: Geschichte. So sitzt sie denn vor einem potenziellen Arbeitgeber, einem Fabrikbesitzer, der von oben herab auf ihr geblümtes Kleid schaut und sie zu alt und zu hässlich findet. Den Job bekommt sie nicht und so springt Petrunya auf dem Heimweg buchstäblich ins kalte Wasser. Es ist Dreikönigstag, und wie jedes Jahr tauchen die jungen Männer der Stadt nach dem Heiligen Kreuz, das der Priester in den eisigen Fluss wirft. Doch diesmal ist Petrunya die Schnellste. 

„Teona Strugar Mitevska präsentiert eine Satire zwischen Zorn und Melancholie, die nach dem Stand demokratischer Veränderungen in der mazedonischen Gesellschaft fragt und den Vertretern von Kirche, Justiz und Medien ein kritisches Zeugnis ausstellt. Die Sympathie des Films gehört der entschlossenen Frau, die sich gegen archaische Traditionen und lähmenden Opportunismus behauptet.“ (Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln, 2019)

Im Anschluss Gespräch mit der Regisseurin, der Hauptdarstellerin Zorica Nusheva und der Produzentin Labina Mitevska

In Kooperation mit jip film & verleih und Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln

20.15 Filmbeginn (ab 19.30 Sektempfang)


SA, 2.11.19

20.15

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum


„Frauen bildet Banden“ – eine Spurensuche zur Geschichte der Roten Zora

© Umbruch Bildarchiv

DE 2019, R FrauenLesbenFilmCollectif LasOtras, Christine Lamberty, Maria Baumeister, Kopie Farbe, DCP, 77 min, dt. OV mit engl. UT

Die „Rote Zora“ war in den 1970er und 1980er Jahren eine militante Frauengruppe in der BRD. Ihre Aktivitäten richteten sich u.a. gegen die alltägliche Gewalt gegen Frauen, gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, Bevölkerungspolitik und internationale Ausbeutungsbedingungen als Ausdruck patriarchaler Herrschaft. Zentral waren die Selbstermächtigung der FrauenLesben und der Bruch mit der zugeschriebenen Friedfertigkeit. Mit ihren Aktionen prägte und beeinflusste die „Rote Zora“ eine gesamte Generation feministischer und lesbischer Aktivistinnen mit Folgen, die weit über die klandestin arbeitende Gruppe hinausreichten. Erzählungen von verschiedenen Zeitzeuginnen, Interviews mit einer Historikerin und ehemaligen Zoras lassen die Geschichte der „Roten Zora“ und der damaligen Frauenbewegung wieder lebendig werden. Und bieten Diskussionsstoff zum heutigen Umgang mit dieser Geschichte. 

Im Anschluss Gespräch mit FrauenLesbenGruppe Frankfurt

In Kooperation mit FrauenLesbenGruppe Frankfurt und Pupille e.V.


DO, 7.11.19

20.15

Pupille – Kino in der Uni


Hindle Wakes / Jahrmarkt der Liebe

GB 1927, R Maurice Elvey, B Victor Saville nach einem Stück von Stanley Houghton, K Jack E. Cox, William Shenton, S Gareth Gundrey, P Maurice Elvey, Victor Saville, D Estelle Brody, John Stuart, Norman McKinnel, Irene Rooke, Marie Ault, Humberstone Wright, Arthur Chesney, Gladys Jennings, Alf Goddard, Cyril McLaglen, Peggy Carlisle, Kopie s/w, 35mm, 116 min, stumm , engl. ZT +dt. UT, BFI National Archive

Die junge Fanny Hawthorn arbeitet in einer Baumwollspinnerei im englischen Hindle in Lancashire. Beim jährlichen Ferienausflug der Firma in den Vergnügungsort Blackpool vergnügt sie sich in einer Affäre mit dem Sohn des Fabrikbesitzers. Aus Familiensicht bleibt nur die Hochzeit, um die Ehre zur retten. Doch Fanny gibt ihre Freiheit nicht ihrer „little fancy“ wegen auf: Sexuelle Selbstbestimmung ist – ganz im Sinne Emma Goldmans – Teil des Arbeiterinnenstolzes.

Mit der seinerzeit Aufsehen erregenden Emanzipationsgeschichte vergegenwärtigt der Film zugleich einen Blick in die erste global-kapitalistische Wirtschaft, die Baumwollindustrie. Er zeigt eine Spinnerei in Lancashire, die Arbeit dort steht in direkter Verbindung mit der Sklavenarbeit auf den Baumwollplantagen der US-amerikanischen Südstaaten. Diese sehen wir zwar nicht (vgl. jedoch Daughters of the Dust und Beloved im Festivalprogramm), aber der Film ist gleichwohl in doppelter Hinsicht ein Dokument, einmal der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zum anderen eben der Arbeitssituation in der englischen Baumwollindustrie. Erzählung, die Story, mit Dokumentarischem zu verbinden, ja zu durchdringen, war die erklärte Absicht des Regisseurs Maurice Elvey, wie Lucie Bea Dutton schreibt: „ [...] Hindle Wakes verbindet ein von Elvey hochgeschätztes Theaterstück mit seinem Wunsch, ‚echte Schauplätze‘ auf die Leinwand zu bringen, um eine ‚dramatized documentary‘ zu schaffen. Aus dieser Kombination entstand einer von Elveys am meisten gefeierten Filmen – damals, bei der Uraufführung, und heute, 90 Jahre später. Ich habe 14 Jahre lang Forschungen zu Elvey und seine Karriere betrieben, daher bin ich sicher, er wäre entzückt, stolz und auch ein bisschen erstaunt zu hören, dass die Komponistin Maud Nelissen, als sie an einer neuen Musik zu diesem wunderbaren Film arbeitete, sich die Mühe machte, das wirkliche Blackpool zu besuchen und auch Lancashire, um zu sehen, was von den Baumwollspinnereien in Englands Nordwesten geblieben ist.“ (Lucie Bea Dutton, Festivalpublikation Geschichtsanschauungen. Views of History, 2019)

Maud Nelissen ist eine der international bedeutendsten Stummfilmpianistinnen und -komponistinnen, tritt in Europa, den USA und in Asien auf und spielt regelmäßig bei den Festivals Il Cinema Ritrovato, Bologna und Le Giornate del Cinema Muto, Pordenone. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit der Kinothek Asta Nielsen zusammen, mehrfach in Kooperation mit ZDF/arte, und ist Gründerin des Stummfilmorchesters „The Sprockets“.

Für die neue Komposition zu Hindle Wakes stand Nelissen vor der Aufgabe, Elveys lebhafte Inszenierung getreu des Films mit einer gewissen Melancholie zu verbinden. Entstanden ist „eine moderne, lyrische Musik mit stolzen, ehrlichen Elementen aus der Folkmusic Lancashires“ (Nelissen).

Am Klavier begleitet von Maud Nelissen


MO, 2.12.19

20.00

Caligari FilmBühne Wiesbaden


Der zweite Anschlag

© PRSPCTV Productions

DE 2018, R Mala Reinhardt, K Patrick Lohse, Katharina Degen, S Federico Neri, M Macarena Solervicens, T Kate Blamire, Gerald Mandl, P Kate Blamire, Benjamin Cölle, Katharina Degen, Patrick Lohse, Mala Reinhardt, Kopie Farbe, DCP, 62 min, dt./türk. OV mit engl. UT, BC Production

„Es geht um uns“, sagt Ibrahim Arslan, der bei den Brandanschlägen in Mölln 1992 Großmutter, Cousine und Schwester verlor und selbst überlebte, an einer Stelle des Filmes, „um unsere Geschichten, unsere Sehnsüchte“. Treffender lässt sich die Agenda des Dokumentarfilms Der zweite Anschlag von Mala Reinhardt kaum beschreiben. Reinhardt verleiht Menschen, die rassistisch motivierte Gewalttaten erlebt haben, durch ihren Film Sichtbarkeit. Sie lässt Personen zu Wort kommen, die über ihren Umgang mit Angst, Trauer, Wut und falschen Verdächtigungen durch die Polizei sprechen sowie über das Gefühl, nur bei Jubiläen von einer breiteren Bevölkerung und Medienlandschaft wahrgenommen zu werden. Der immer noch fehlenden Aufklärung einer Vielzahl rechter Verbrechen setzt der Film Momente der Solidarisierung von Betroffenen entgegen. Gerade in der Konzentration auf die Opfer, ihre Geschichten und ihre Kritik an der medialen Berichterstattung verweist der Film sein Publikum permanent auf sich selbst zurück. Warum sind all diese Namen und Gesichter unbekannt? Was bedeutet dieses Unwissen? Das „uns“, von dem Arslan spricht, das sind auch die Zuschauenden. Der zweite Anschlag thematisiert deutsche Erinnerungskultur als eine problematische, zynische Geschichte des Widerstrebens, sich ernsthaft mit strukturellem Rassismus beschäftigen zu wollen. (Anne Küper, critic.de, 2018)

Im Anschluss Gespräch mit der Regisseurin


MO, 9.12.19

18.45

Harmonie


GB, US 2015, R Todd Haynes, B Phyllis Nagy nach dem Roman The Price of Salt von Patricia Highsmith, K Edward Lachman, S Affonso Gonçalves, M Carter Burwell, T Geoff Maxwell, P Elizabeth Karlsen, Christine Vachon, Stephen Woolley, Number 9 Film, Film4 Productions, D Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Jake Lacy, Kyle Chandler, John Magaro, Kopie Farbe, DCP von Super-16mm, 118 min, engl. OV mit dt. UT, DCM

Stoffe, Dinge, Licht und eine Kamera, die ihre Figuren umkreist, als spönne sie die Fäden, in denen sie sich verstricken. Carol, wohlbetuchte Lady der New Yorker upper class, begegnet der Kaufhausverkäuferin Therese mitten im Weihnachtsgeschäft. Es sind die 1950er Jahre, der Film schwelgt in Dekors. Eine Serie von Begegnungen der ungleichen Frauen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen führt nicht nur zu vorsichtiger Annäherung, Leidenschaft und Verzweiflung, sondern platziert sie auch im (sexual-)repressiven Klima einer heuchlerischen Zeit. Todd Haynes verbindet seine Liebe für ein Kino der Stars und großen Dramen mit einem klaren Blick für Abhängigkeiten, die vor allem in tabuisierten Beziehungen entstehen. (Annette Brauerhoch, Programmkino Lichtblick e.V., 2018)


MI, 11.12.19

20.00

Mal Seh'n Kino


Beloved / Menschenkind

US 1998, R Jonathan Demme, B Akosua Busia, Richard LaGravenese, Adam Brooks nach dem gleichnamigen Roman von Toni Morrison, K Tak Fujimoto, S Andy Keir, Carol Littleton, M Rachel Portman, T Skip Lievsay, P Jonathan Demme, Kate Forte, Gary Goetzman, Edward Saxon, Oprah Winfrey, D Oprah Winfrey, Danny Glover, Thandie Newton, Kimberly Elise, Beah Richards, Lisa Gay Hamilton, Albert Hall, Jason Robards, Kopie Farbe, digital, 172 min, engl. OV mit dt. UT, The Walt Disney Company

18 Jahre nach ihrer Flucht lebt die ehemalige Sklavin Sethe mit ihrer Tochter vor den Toren Cincinnatis. Seltenes Glück scheint nah, als der einstige Leidensgenosse Paul D. in ihr Leben tritt. Doch in Form der mysteriösen jungen Frau „Beloved“ („Menschenkind“) wird die Familie von der traumatischen Vergangenheit heimgesucht. Hauptdarstellerin Oprah Winfrey war maßgeblich an der Produktion des Films beteiligt, der den Roman der im August verstorbenen Toni Morrison in poetisch-schaurige Bilder übersetzt.

„Die Grenzen zwischen der Geschichte und dem Privatleben sind nicht zu schließen, und so ist es auch folgerichtig, dass Demme sich weder für das Epos noch für das Kammerspiel entscheidet, sondern für etwas drittes. Eine Ästhetik des Eindringens und Ausschließens, der Gefangenschaft und Befreiung. Eine Geschichtslektion, einerseits, und andererseits ein Film, der die Seelen-Ikonographie von Das Schweigen der Lämmer in ganz anderem Zusammenhang fortsetzt. Und radikal ist der Film auch insofern, als er keinen ‚guten‘ Weißen, keinen Mythos der Versöhnung anbietet. Die Befreiung hat erst begonnen, und die Vergangenheit ist nie vorbei.“ (Georg Seeßlen, epd Film, Nr. 4/1999)


MI 18.12.19

21.00

Harmonie


Internationalität, soziale Schubkraft und die technisch-künstlerische Eigengesetzlichkeit des Materials waren für Ella Bergmann-Michels Arbeit zentral. Dieser Ansatz fügte sich mit dem Konzept des Bundes Neues Frankfurt produktiv zusammen, nicht nur in der Arbeitsgemeinschaft für den modernen Film, sondern auch als Voraussetzung und Impuls für ihre ersten beiden Filme. Wir zeigen sie hier noch einmal, zusammen mit Paul Wolffs, Jonas Geists und Joachim Krausses Filmen über die „Frankfurter Küche“. Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und kollektive Unterwanderungsstrategien in Wohnanordnungen insbesondere für Frauen sind auch Thema für unseren Gast Gabu Heindl (Architektin, Wien), die Margarete Schütte-Lihotzky noch persönlich kannte und die diese Herausforderungen mit ihren Projekten gezielt aufsucht.

Zu Gast Gabu Heindl

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Bereits die Entstehungsgeschichte des im Film porträtierten Budgeheimes steht für den gemeinsamen sozialen Imperativ von bürgerlichem Mäzenatentum und neusachlicher, massenkulturell ausgerichteter Moderne. Dem jüdischen Stifterpaar Henry und Emma Budge war an Kollektivität gelegen: Ein wichtiger Stiftungsgrundsatz galt der „Gleichheit wohlhabender Bürger und notleidender Menschen“. Der Architekturentwurf nahm das nicht nur im Titel „Kollektiv“ auf, hervorgehoben wurde von der Wettbewerbsjury „die Anordnung der im Mittelpunkt der Gebäudegruppe untergebrachten Wirtschafts- und Gemeinschaftsräume, wie überhaupt Wesen und Geist des Altersheims gerade in diesem Entwurf besonders klar zum Ausdruck gelangt“. Im Film spielen sich öffnende Türen und Passagen eine große Rolle, oft in Verbindung mit dem öffentlichen Leben, etwa dem Briefkasten, der Tageszeitung, oder dem Gemeinschaftsgarten. Auch die eingefügten Trickaufnahmen setzen diesen Akzent, wenn sie als „bewegte Zeichnungen“ die Mobilität der Architektur vorführen, Flügeltüren öffnen und kleine Zellen in einen großen Gemeinschaftsbereich überführen.

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Selbsthilfe ist nicht nur Gegenstand des Films, sondern auch Grundlage seiner Produktion: In kurzer Zeit warben die Mitglieder der Filmliga die nötigen Produktionsgelder in der „Haute Volée der Frankfurter Gesellschaft“ (Robert Michel) ein. Der Vermieter der Lagerhalle für die Lebensmittel verzichtete auf die Miete, aus den Gärten der May-Siedlungen wurde Gemüse gestiftet, die Lebensmittel wurden mithilfe der bei „fliegenden Händlern“ geliehenen Karren von den Frauen der „praktischen Küche“ abgeholt, für die öffentlichen Aufführungen an der Hauptwache gestalteten Grafiker Schilder und Plakate, ein arbeitsloser Schaffner zählte mit seinem Münzzählgerät die Spenden und Einnahmen, und nicht zuletzt diente die öffentliche Küche als Gemeinschaftsraum vor allem im Winter, „wie Bibliotheksräume“, man erzählte einander Geschichten, „persönliche Ambitionen“.

Die Frankfurter Küche

DE 1927, R Paul Wolff, P Paul Wolff, Humboldt-Film GmbH, Kopie s/w, 35mm, stumm, 7 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Dr. Paul Wolff & Tritschler, Historisches Bildarchiv, Offenburg

Aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen über sämtliche Wege und Handgriffe bei der Küchenarbeit entwickelte Margarete Schütte-Lihotzky eine Normküche mit fest eingebautem Mobiliar auf rund 6,5 Quadratmetern. Als Vorbild diente die Mitropa-Speisewagenküche. Ziel war es, der (berufstätigen) Frau die Hausarbeit zeitlich und vom Kraftaufwand her zu erleichtern und die technischen Voraussetzungen für eine fortschreitende Emanzipation zu schaffen. Zudem ging es um eine verbesserte Hygiene. [...] Die Küche wurde in den May-Siedlungen etwa 10.000 mal in unterschiedlichen Varianten installiert und gilt als Prototyp für die moderne Einbauküche. Um für die neue Form der Arbeitsküche bei potentiellen Nutzern zu werben, drehte Paul Wolff im Auftrag der Stadt Frankfurt 1928 den Dokumentarfilm Die Frankfurter Küche. (Jutta Zwilling, Frankfurter Personenlexikon)

Die Frankfurter Küche

BRD 1985, R Jonas Geist, Joachim Krausse, Kopie digital, 42 min, absolut MEDIEN

1925 zum Frankfurter Stadtbaurat ernannt, versammelte Ernst May einen Stab junger Architekten, Planer und Designer um sich. Mit dem umfassenden Anspruch auf Gestaltung einer modernen Wohnkultur [...] profilierte sich das Neue Frankfurt als innovativstes Großprojekt des Neuen Bauens der 20er Jahre. (DVD-Booklet Edition Bauhaus - Das Neue Frankfurt, absolut Medien) 60 Jahre später stellen die Filmemacher den Siedlungsbau des Neuen Frankfurt sowohl aus der historischen Perspektive dar, als auch aus der Sicht der Nutzer*innen der Gegenwart im Jahr 1985. Der hier gezeigte Teil 3 konzentriert sich auf die Frankfurter Küche. Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erläutert im Interview die Entstehungsgeschichte ihres Konzeptes, Bewohner*innen führen die Nutzung in der Realität vor, Archivmaterial und neue Aufnahmen enthüllen, wie sich Wohnmodell und gelebtes Wohnen wechselseitig anpassen.


MI, 22.1.20

18.00

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum


Gendernauts – Eine Reise ins Land der Neuen Geschlechter

© Edition Salzgeber

DE 1999, R, B Monika Treut, K Elfi Mikesch, S Eric Schefter, M Georg Kajanus, Veronica Klaus, Pearl Harbor, T Andreas Pietsch, P Monika Treut, Hyena Films, Kopie Farbe, DCP von 35mm, 86 min, engl. OV mit dt. UT, Edition Salzgeber

Gendernauts erforscht das Phänomen von Trans-Geschlechtlichkeit. Ort: San Francisco, Zeit: am Anfang des neuen Jahrtausends. Der Film zeigt Gender-Mixer und sexuelle Cyborgs, die ihre Körper mit Hilfe neuer Technologien und Biochemie verändern und damit die Identität von männlich und weiblich in Frage stellen. Auf die Frage: Sind Sie ein Mann oder eine Frau? antworten die Gendernauten mit Ja. Gendernauts stellt uns eine Gruppe faszinierender Künstler in Kalfornien vor, die zwischen den Polen herkömmlicher Geschlechter-Identität leben. Wie die Kosmonauten durch das Weltall und die Cybernauten durch die Netzkultur, so reisen die Gendernauten durch die vielfältigen Welten der Sexualität. (Hyena Films)

In Anwesenheit der Regisseurin


MO, 27.1.20

20.15

Pupille – Kino in der Uni


Aufführung aller Filme von Ella Bergmann-Michel in neuer Digitalisierung (2K-DCP) und Präsentation von neu aufgefundenem Filmmaterial

Filmgeschichte ist immer auch die Geschichte von Zerstörung und Verlust, manchmal von Wiederfinden. Die Ausgangslage für „gültige“ Fassungen von Ella Bergmann-Michels Filmen war stets kompliziert und ist es immer noch. Einige Rollen nahm Paul Seligmann mit ins Exil, manche Filme wurden aufgrund der politischen Lage erst nachträglich montiert, andere galten lange als verschollen. Für die 2006 In der „Edition filmmuseum“ erschienene DVD wurden Ausgangsmaterialien unterschiedlicher Herkunft verwendet. Neben den in diesem Jahr neu hergestellten Digitalisaten zeigen wir erst kürzlich entdecktes Material:

Von Wo wohnen alte Leute liegt nun eine abweichende Arbeitsfassung aus dem Nachlass des Architekten Mart Stam vor, die enger am ursprünglichen Script von Ella Bergmann-Michel und Mart Stam orientiert ist und vermutlich einen ersten Entwurf darstellt. Zu Fischfang in der Rhön wurde ein längerer Rohschnitt gefunden, der zahlreiche ursprünglich gedrehte, aber nie verwendete Szenen beinhaltet – besonders die ländliche Umgebung und die Bewohner*innen des Sinntals treten hier in den Vordergrund. Gelegentlich nannte Bergmann-Michel diesen Film auch Spaziergang in der Rhön, was diese Fassung gut beschreibt. 

Sünke Michel, die Schwiegertochter Ella Bergmann-Michels, spricht über den künstlerischen Lebenslauf, Arbeitstechniken und die Wieder-Entdeckung der Filme. Thomas Worschech vom DFF kommentiert und erläutert die Materiallage und Editionsgeschichte der Filme.

Erstaufführung der digital restaurierten Kopien und des neu entdeckten Materials

Im Anschluss Gespräch mit Sünke Michel und Thomas Worschech

Wo wohnen alte Leute?

DE 1931, R, K, S, P Ella Bergmann-Michel, B Ella Bergmann-Michel, Mart Stam, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Ein musterhaftes Beispiel sachgemäßer Lösung drängender Wohnungsfragen gibt uns der Film von Bergmann-Michel Wo wohnen alte Leute?. Er zeigt uns das vorbildliche Altersheim, welches der Architekt Mart Stam für Frankfurt Main gebaut hat. Dieser Film soll in der ganzen Welt Propaganda machen für eine wichtige Sache.“ (Neue Filme vom Bauen, Kunst und Volk, Heft 5, Januar 1932) „Kollektiv“, lautete der Titel des Bauentwurfs. Gerade die Momente der sozialen Begegnung interessieren Ella Bergmann-Michel, wie die Bewohner*innen lässt sie sich von den Möglichkeiten und Abweichungen leiten, die die offene Raumgestaltung bietet. „Ein heiteres Verweben der Räume, die Promenoirs und Plauschecken gleiten durch die Scheiben ineinander hinein. Ein mätzchenloser Werbefilm, eine gefilmte Fibel gegen Vorurteile.“ (Frankfurter Zeitung vom 15.1.32)

Erwerbslose kochen für Erwerbslose

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, 35mm, stumm, 9 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 „Dokumentarischer Film über das Hilfswerk der Frankfurter Erwerbslosenküchen, lief in September 1932 in sämtlichen Frankfurter Kinos als Auftakt zu einer großen öffentlichen Sammlung. Die Frankfurter Zeitung schrieb: ‚dieser Film demonstriert auf eine simple Weise, vollständig ungeschminkt, die Erbärmlichkeit des schlimmsten, des erwerbslosen und zugleich mittellosen Daseins...‘ Er zeigt weiter die soziale Bedeutung der Küchen ebenso wie ihre Organisation. [...] Der Leitgedanke des Films ist: Alle müssen helfen!“ (Ella Bergmann-Michel, The Getty Research Institute, 88-A256; 880303) „Es ist interessant, dass große Filmgesellschaften die Herstellung eines derartigen Bildstreifens wie den der Erwerbslosen-Küchen ablehnten, da schon die Kosten allein für Lampenpark als zu hoch bezeichnet wurden. Frau Bergmann-Michel musste deshalb den Film auf eigene Faust trotz großer Schwierigkeiten mit den geringsten Mitteln herstellen." (Volksstimme Frankfurt, 29.9.32)

Fliegende Händler in Frankfurt am Main

DE 1932, R, B, K, S Ella Bergmann-Michel, P Ella Bergmann-Michel, Paul Seligmann, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 37 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film in den Straßen und auf den Plätzen Frankfurts aufgenommen – durch Beobachtung erwischte Aufnahmen beruflichen Lebens verschiedener Händler, die in der Erwerbslosen Zeit teils ohne polizeiliche Genehmigung ihre Waren verkauften.“ (Ella Bergmann-Michel, Notizen zu ihren Filmen, Sprengel-Archiv Inv.-Nr. A 40.04c-01-) Anfang der dreißiger Jahre sind weibliche Aufbruchsphantasmen, Selbstermächtigung und Flaneurinnen als mediale Bilder längst gesetzt, dass aber eine Frau mit Filmkamera ihrerseits flanierend die städtische Lebenswelt einschließlich ihrer versteckten Winkel beobachtet und in Szene setzt, ist ein solitärer Aufbruch in die Öffentlichkeit. Buchstäblich begibt sie sich hinter die Kulissen der "fahrenden Händler" und des Jahrmarktgeschehens.

Fischfang in der Rhön (an der Sinn)

DE 1932, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, DCP von 16mm, stumm, 11 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

„Dokumentarischer Film über einen Spaziergang in der Rhön und Fang von Forellen und Äschen. Film-Material: selbst gestellt – ohne Manuskript – nur aus direkter Beobachtung“, notiert Ella Bergmann-Michel nüchtern über diesen filmischen Bewusstseinsstrom. Plätschernd gehen organische und abstrakte Figuren ineinander über, Licht und Schatten bewegen sich wellenförmig. Die Landbewohner*innen aus der Umgebung werden mit in den Bilderfluss geholt, ihre Tätigkeiten werden für einen Moment genau studiert, der direkte Blick in die Kamera erwischt auch uns.

Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)

Fragment. DE 1932/33, R, B, K, S, P Ella Bergmann-Michel, Kopie s/w, DCP von 35mm, stumm, 13 min, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Der das Straßenbild absuchende Blick der Kamera bekommt zusätzliche politische Schärfe. Sie verweilt vor Litfaßsäulen und studiert die am abgerissenen Papier sichtbaren Zeichen des Protestes, sie sucht die Ausgänge der Arbeitsstätten, um die Angestellten zu beobachten, sie registriert verwundert die gewöhnlichen Gesten in bedrohlichen Uniformen, sie folgt dem sich versammelnden Wahlvolk, bleibt hinter einem Fahnenmast stehen. Mit zunehmender Krise und manifestem Zugriff des künftigen Regimes auf den Alltag, mit dem merklichen Einverständnis und der Selbstinszenierung der mehrheitlichen Bevölkerung, und mit den verschwindenden Resten spürbaren Widerstands wird die Flaneurin zur Zeugin, sie sichert Beweise.


MI, 29.1.20

18.00

Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum


Ella Bergmann-Michels Filmkulturarbeit ist glücklicherweise rekonstruierbar. Sie selber maß gerade auch ihren weniger bekannten Tätigkeiten als Programmmacherin, Filmvermittlerin und Vortragsreisende große Bedeutung bei und warf nichts weg: Handgeschriebenes wurde abgetippt, datiert und kommentiert, Hefte sind mit Filmlisten und Bemerkungen gefüllt. Ihre Vortragsnotizen finden sich auf die Ränder von Quittungen gekritzelt, die Rückseiten von Luftpostumschlägen, auf Pappkartondeckeln oder Papierservietten. Von den fertigen Vorträgen gibt es Manuskriptfassungen, die direkt die Zuschauer*innen adressieren. Die Sprache für ihren Vortragszyklus „50 Jahre Filmschaffen“ musste sie in den frühen 50er Jahren oft selbst erfinden, von Wortschöpfungen („Schaumannsarbeit“, „Bilddichter“) bis hin zu allgemeinverständlichen Erklärungen zur technischen Entwicklung der Kinematographie. Sie machte keinen Hehl aus ihren Vorlieben – sie bewunderte die abstrakten Filme Norman McLarens, sie liebte Asta Nielsen – präsentierte aber Filme quer durch die Genres und die Geschichte. „Dieser unerzogene Wildling aus Technik und Abenteuerlust – aus Bild und Literatur“ sollte sich in all seinen Erscheinungen zeigen. Dem Publikum sprach sie Mut zum Experiment zu „Ich bitte Sie den kleinen Filmen […] möglichst vorurteilsfrei entgegen zu treten“, sie lud aber auch zum Widerspruch ein. Wir präsentieren eine Collage aus ihren Texten und einigen von ihr präsentierten Filmen, als Kombination von Lesung und Kinovorführung, in eben jenem Festsaal des Studierendenhauses, in dem sie oft ihre Programme vorstellte.


SA, 01.02.20

20.15

Pupille – Kino in der Uni